Die göttliche Mutter der Welt ist das, was Liebe genannt wird.
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Der okkulte Weg

 

Geschrieben von Dion Fortune (alle Rechte vorbehalten)

Der mystische Weg, der zur Vereinigung mit Gott führt, ist so bekannt, dass oft vergessen wird, dass es einen anderen Weg gibt, der scheinbar in eine andere Richtung führt, aber am Ende zum selben Ziel führt. Wir sind so daran gewöhnt zu hören, dass die Abkehr von der Welt und die Verleugnung seiner Selbst der einzig wahre Weg für die Seele ist, die das Höchste sucht, dass wir es kaum zu flüstern wagen, dass es einen anderen Weg geben könnte, den Weg der Beherrschung der manifestierten Existenz und die Apotheose des Selbst.

Es gibt zwei Möglichkeiten Gott zu verehren: wir können ihn in der unmanifestierten Essenz verehren oder wir können ihn in seiner manifestierten Form verehren. Beide Wege sind legitim, sofern wir bei der Verehrung der manifestierten Form, die Essenz nicht vergessen und bei der Verehrung der Essenz diese nicht mit der manifestierten Form verwechseln, denn beides würde bedeuten, die Sünde des Götzendienstes zu begehen, die letztendlich nichts anders ist als eine falsche Gewichtung.

Der Mystiker versucht, Gott in der Essenz zu verehren; aber die unmanifestierte Essenz oder Wurzel Gottes entzieht sich dem menschlichen Bewusstsein. Deshalb muss der Mystiker, um den Gegenstand seiner Verehrung zu begreifen, das normale menschliche Bewusstsein transzendieren. Es ist nicht möglich, das innerste Wesen eines Zustandes der Existenz zu begreifen, außer wenn wir fähig sind, in es einzudringen und zumindest teilweise seine Erfahrungen zu teilen.

Der Mystiker hat deshalb die Aufgabe, sein Bewusstsein von den gewöhnlichen Fesseln der Form zu befreien.

In diese Richtung geht die asketische Disziplin, die das Niedere eliminiert, damit das Höhere befreit wird, um sich mit Gott zu vereinen und ihn dadurch kennenzulernen.

Der Weg des Mystikers ist ein Weg der Entsagung, bis er alle Grenzen seiner niederen Natur durchbricht und die Freiheit erreicht; dann bleibt nichts zurück, das ihn von Gott trennen könnte und seine Seele steigt empor zum Licht und kehrt nicht zurück.

Aber der andere Weg ist kein Weg der Entsagung, sondern ein Weg der Erfüllung; er besteht nicht darin, sich vom menschlichen Schicksal zu trennen, sondern in der Konzentration und Sublimation dieses Schicksals. Jede Seele, die diesen Weg nimmt, erlebt ihre eigene Erfahrung auf jeder Stufe und jedem Aspekt der manifestierten Existenz und bringt sie ins Gleichgewicht, spiritualisiert sie und absorbiert ihre Essenz.

Das Ziel jener, die diesen Weg gehen, ist es die vollständige Herrschaft über jeden Aspekt des erschaffenen Lebens zu erreichen. Aber wenn wir über Herrschaft sprechen, meinen wir nicht die Herrschaft eines Sklavenhaltes über seine Sklaven, sondern wir meinen die Herrschaft eines Virtuosen über sein Instrument; eine Herrschaft, die sich auf die Fähigkeit stützt, sich an dessen Natur anzupassen und in seinen Geist einzudringen und so ihre gesamte Kapazität der Interpretation auszuschöpfen.

Der Adept, der die Herrschaft über die Sphäre von Luna gewonnen hat, erklärt der Welt die Botschaft des Mondes und offenbart seine Mächte in vollkommenem Gleichgewicht.

Das Reich, über das der Meister des Tempels herrscht, ist keine absolute Monarchie. Er erlangt diese Meisterschaft nicht, damit Throne, Herrschaften und Mächte ihm dienen, sondern um ihnen Gottes Heilsbotschaft zu bringen und sie zu ihrem hohen Erbe zu rufen. Er ist ein Diener der Evolution; Es ist seine Aufgabe, Ordnung in das Chaos, Harmonie in die Disharmonie und unausgeglichene Kräfte ins Gleichgewicht zu bringen.

Die vedische Lehre der östlichen Tradition unterscheidet klar zwischen der Verehrung des unmanifestierten Gottes, der spirituellen Essenz der Schöpfung und der Verehrung der manifestierten Aspekte oder der Götter.

„Identifiziere das Selbst mit den Teilaspekten, die die Yoginis sind und die verschiedenen Mächte (Siddhis) werden erreicht. Identifiziere das Selbst mit der Maha-Yogini selbst und du wirst frei sein, denn du wirst nicht mehr du sein, sondern sie … Womit sich ein Mensch identifizieren sollte, hängt davon ab, was er will. Aber was auch immer es ist, er bekommt die Macht, wenn er sie will und dafür arbeitet.“ (World as Power von John Woodroffe)

Was sollte ein Mensch wollen? Das ist die nächste Frage, die wir uns stellen müssen. Die Antwort darauf hängt vollkommen von der Stufe der Evolution ab, die wir erreicht haben. Die Seele muss ihre menschlichen Erfahrungen vervollständigen, bevor sie bereit ist für die göttliche Vereinigung. Sie muss den Tiefpunkt des Abstiegs in die Materie durchlaufen, bevor sie auf den Pfad der Rückkehr gelangen kann. Wir sind nicht bereit für den mystischen Weg, bis wir uns dem Zeitpunkt unserer Freiheit vom Rad der Geburt und des Todes nähern; aber zu versuchen, diesem Rad zu früh zu entkommen, bedeutet unsere Ausbildung zu umgehen.

Wie eine Rennjacht, die die äußerste Markierungs-Boje umgeht und disqualifiziert wird; wir haben die Voraussetzungen der Befreiung nicht erfüllt, die verlangen, dass wir nichts umgehen und nur das hinter uns lassen, was wir beherrschen, ins Gleichgewicht gebracht haben und überwunden haben.

Es ist eine falsche Lehre, die von uns verlangt, etwas aus unserer Natur auszulöschen, das Gott dort eingepflanzt hat, so falsch und dumm wie ein temperamentvolles reinrassiges Fohlen zu verkrüppeln, nur weil es wild und ungebrochen ist. Die Liebe zur Schönheit, der lebendige Drang der sauberen, normalen, gesunden Instinkte, die Freude am Kampf, wir wären arme Kreaturen, ohne all das, das Gott uns gegeben hat und wir können davon ausgehen, dass er wusste, was er tat, als er es tat. Wer sind wir, um seiner Hände Werk zu richten und das zu verurteilen, was er für gut befunden hat?

Was das Gesetz Gottes verbietet, ist der Missbrauch dieser Dinge, nicht die Verwendung für die Zwecke, für die sie bestimmt sind. Der Pfad des täglichen Lebens bietet eine weitaus vernünftigere und effektivere Disziplin für die Instinkte, als die Einsiedler-Höhlen von Theben mit ihren asketischen Folterungen und Selbstverstümmelungen, die die Natur vergewaltigen und das Werk Gottes beleidigen.

Verängstigt durch die elementaren Kräfte, wenn er ungereinigt und unvorbereitet auf sie trifft, flieht der Asket vor dem, von dem er glaubt, versucht zu werden. Es ist weitaus besser, die kämpfenden Kräfte in unserer eigenen Natur ins Gleichgewicht zu bringen, bis wir fähig sind, mit unseren ungebändigten Instinkten umzugehen und sie dazu zu bringen, den Wagen der Seele mit der Kraft ihren unermüdlichen Kräften zu ziehen.

Für jeden von uns wird der Tag kommen, an dem wir vom Rad der Geburt und des Todes befreit werden und das Reich des Lichtes betreten und von dort nie wieder zurückkommen; wenn wir versuchen, diese Elemente und ihre Probleme beiseitezuschieben, bevor dieser Tag anbricht, bringen wir das Ruder auf den Kurs nach Hause, bevor wir die Markierungs-Boje umrundet haben; wir sind wie der Mann, der sein Talent in der Erde vergraben hat, weil er Angst davor hatte. Unser Herr wird uns nicht danken für unsere falsche Hingabe an ein unreifes Vorbild, sondern uns unnütze Diener nennen.

Der Schlüssel zur Lösung des ganzen Problems liegt, wie so viele andere, in der Lehre der Reinkarnation. Wenn wir glauben, dass die gesamte menschliche Verwirklichung in einem einzigen Leben vollbracht werden muss und dass wir an dessen Ende beurteilt werden, unterwerfen wir uns einem Idealismus, den wir noch nicht durch den Prozess eines natürlichen Wachstums erreicht haben. Die Befreiung aus dem Rad, die Aufgabe der Materie, göttliche Vereinigung, das wird für alle von uns im Laufe der Zeit kommen, denn das Ziel der Evolution ist es, uns dorthin zu bringen, aber diese Zeit ist noch nicht gekommen und wir sind sehr töricht, wenn wir zulassen, dass ein anderer, wie fortgeschritten er auch sein mag, für uns beurteilt, wo wir auf der Leiter der Evolution stehen und beurteilt, was unser nächster Schritt sein soll.

Lasst uns unseren Überzeugungen treu sein und unseren eigenen tieferen Eingebungen folgen. Wenn es unser Verlangen ist, Gott in seiner glorreichen Erscheinung zu verehren, lasst es uns von ganzem Herzen tun; darin liegt der Weg der Verwirklichung für uns. Dies bedeutet nicht, die Entfesselung der Triebe; der Tanz der Natur ist eine geordnete und rhythmische Bewegung, wir dürfen unseren Platz in diesem lebenden Muster nicht verlassen, sonst werden wir es zerstören. Wir müssen mit der Natur für die Natur arbeiten, wenn sie unsere Mutter sein soll. Das ist genug Disziplin für jede Seele.

Wenn wir auf der anderen Seite einen Impuls fühlen, uns auf den mystischen Pfad zu begeben, sollten wir uns ernsthaft fragen, ob wir diesem Pfad folgen, weil der Ruf Gottes in unserem Herzen so stark ist, oder weil wir das Leben so schwierig finden, dass wir den Problemen für immer entkommen wollen.

 

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