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Das innere Leben

Donnerstag, 26. Januar 2017 - 17:16 Uhr  |  Kategorie: Mystik

Geschrieben von Dr. Franz Hartmann

Das Reich Gottes ist in uns.
(Lukas XVII. 21.)

Es ist eine merkwürdige Erscheinung, dass es so wenige Menschen gibt, die auf ihr innerliches Leben achten, und dass alle ihre Wünsche, Gedanken und Bestrebungen nur auf das äußerliche Leben gerichtet sind; da doch nur das innere Leben der Seele von Dauer und das Leben in der äußeren Sinneswelt nur eine vorübergehende Erscheinung ist. Der Grund dieses Irrtums liegt darin, dass nur wenige das innere Leben kennen, weil sie noch nicht innerlich erwacht sind. Millionen von Menschen sind äußerst lebendig im Äußeren sowohl als auch im Reiche der Fantasie; aber das unsterbliche Leben der Seele, das aus dem wahren Selbstbewusstsein im Herzen entspringt, kennen sie nicht, und deshalb vertauschen sie ihr väterliches Erbteil, das Reich Gottes, für ein Linsengericht.

Die Welt will heutzutage nur äußerlich scheinen, besitzen und wissen; man denkt nicht daran, was man in Wirklichkeit ist und vernachlässigt die Gelegenheit, die das Leben auf Erden bietet, in Wahrheit etwas zu werden; d. h. eine Individualität zu erringen, die nach dem Tode des Körpers bestehen kann. Man glaubt sich geistig auszubilden, wenn man sich nur mit intellektuellen Dingen beschäftigt, viel grübelt und studiert und seine Gedächtniskammer wohl mit allerlei Wissen versorgt; aber eine Erweiterung des Horizontes für den Verstand, so zweckdienlich diese auch sein mag, ist noch lange kein innerliches Wachstum, denn der Geist bedarf zu seiner Befestigung und Verkörperung der Seele, d. h. der Substanz, und ist ohne diese wie der Wind, welcher zum einen Fenster herein und zum anderen heraus bläst, und von dem niemand weiß, woher er kommt, oder wohin er geht (Job. III. 8).

Wir leben in einer seelenlosen und seelentötenden Zeit, in einer äußerlichen Scheinwelt. Das Oberste ist zu unterst und das Unterste nach oben gerichtet, wie es in der diesem Kapitel vorgesetzten Figur angedeutet ist. Sie bezeichnet den äußeren und inneren Menschen mit seinen fünf Sinnen, und die äußere und innere Welt. Der äußere mit der Spitze (dem Kopf) nach unten gerichtet, ist der verkehrte; der innere, erst im Entstehen begriffene Mensch steht mit dem Kopfe nach oben; d. h., sein Bestreben ist nach oben gerichtet; während die äußere Welt nur nach dem Unteren, dem Materiellen trachtet. Sie ist selber vergänglich und liebt das Vergängliche; sie ist selbst ein Scheinwesen und ihr Gott ist der Schein. Jeder rennt nach Schätzen, die am Ende in Staub und Asche zerfallen, und verliert auf dieser Jagd die herrlichsten, dauernden Güter. Das Höchste wird in den Dienst des Niedrigsten gestellt; das Göttliche zum Vorteile der Habsucht des einzelnen oder im Interesse des Sektierertums prostituiert; die Sinne werden trunken gemacht und die Vernunft betäubt; Klugheit im Dienste des Egoismus ist Herrscherin in der Welt anstelle der Weisheit; der Verstand wird überfüttert, die Intuition unterdrückt, das Ideale beiseite geschoben, und die Seele verschrumpft und verhungert dabei. Infolge der immer steigenden Bedürfnisse und des immer schwieriger werdenden Kampfes ums äußerliche Dasein ist der Egoismus sowohl für den einzelnen als auch für jede Klasse zu einer eisernen Notwendigkeit geworden, und Habsucht, Ehrgeiz und Neid rufen eine Menge von Teufeln ins Leben und ersticken jedes bessere Gefühl.

Wo kein Gefühl ist, da ist auch kein Leben; das Gefühl aber entspringt aus der Berührung. Niemand kann einen Gegenstand mit den Händen begreifen, wenn er nicht fähig ist, ihn zu befühlen, und ebenso wenig können wir dasjenige, was in uns göttlicher Natur und unsterblich ist, mit dem Verstände begreifen, wenn wir es nicht in unserem Innern fühlen können, und wir können es erst dadurch fühlen, dass wir mit ihm in Berührung kommen. Damit, dass wir uns von Gott, vom Himmel, oder vom geistigen Leben irgendeine Vorstellung machen, ist uns weniger gedient; wir können das äußerliche Leben in Wirklichkeit erst dadurch kennenlernen, dass wir selbst darin leben, mit ihm in Berührung kommen, es an uns selber erfahren, und dasselbe ist mit dem innerlichen, göttlichen Leben der Fall. Von einer Berührung der Seele mit dem göttlichen Geiste ist aber in unserer Zeit wenig zu merken. Allerdings ist das Kirchengetriebe noch überall in vollem Gange; aber es fehlt darin an religiösem Gefühl; die Religion ist vielfach zur Kopfarbeit geworden; das Herz bleibt dabei leer; die religiösen Schriften finden wenige Leser und noch weniger Verständnis, obgleich der Gegenstand, den sie behandeln, vor allen Dingen und für jedermann am Ende das Wichtigste ist.

Um uns hierüber klar zu werden, müssen wir bedenken, was das Leben, sein Ursprung und seine Bestimmung ist. An der Lösung dieses Rätsels hat die äußerliche Naturwissenschaft seit Jahrtausenden vergebens gearbeitet, und wird sie nie finden, solange sie die einzige Quelle, aus welcher alles Leben und Dasein entspringt, nicht kennt oder sie absichtlich ignoriert, weil sie sich nicht wissenschaftlich, d. h. objektiv oder handgreiflich nachweisen lässt. Sie hat es nur mit der Tätigkeit des Lebens in seinen Erscheinungen, nur mit den Wirkungen und Offenbarungen des Lebens in der Materie, nicht aber mit dem Lebensprinzip zu tun, welches ebenso allgemein ist als der Äther des Weltenraums, und dessen Gegenwart auch nur durch seine Wirkungen erkannt werden kann. Wo aber die positive Wissenschaft nicht mehr weiter kann, da hilft uns die Religion auf die richtige Spur. Die Bibel lehrt, dass alles aus dem Worte erschaffen ist. Das Wort (Logos) ist Gott und sein Geist der Ursprung alles Lebens. Diesen Geist können wir allerdings nicht auf dem Wege der objektiven Forschung, wohl aber in unserem innerlichen Bewusstsein finden. Wer den Geist Gottes hat, und ihn in sich selber erkennt, der hat davon exaktes Wissen; der ist der richtige Positivist.

Der Geist bedarf für sich selber keiner Form; er ist unerschaffen und ewig. Alle Formen im Universum könnten aus sich selbst, ohne den Geist, keinen Geist erzeugen, wohl aber ist der Geist der Erzeuger und das Leben der Formen; das ewige Wort schafft durch seine ununterbrochene Tätigkeit die Organismen in der Natur und es bedarf dieser Organismen zu seiner Offenbarung, nicht aber zu seinem eigenen Sein; denn wenn auch alle Welten, Himmel und Erde vergingen, das Wort des Herrn bleibt ewig, was es von Ewigkeit ist; wie ja auch das Werk nicht den Künstler, sondern der Künstler das Werk schafft und durch dieses Schaffen seine Kunst offenbart, nur mit dem Unterschied, dass in dem ewigen Schaffen in der Natur Geist und Natur nicht wie der Maler und die Leinwand voneinander getrennt sind, sondern der Geist wirkt in der Natur und bringt durch seine Lebensfähigkeit alles aus ihr hervor.

Wenn wir uns selbst in unserem Inneren betrachten, so finden wir in uns verschiedene Leben, oder richtiger gesagt, verschiedene Wirkungen des Lebensprinzips auf verschiedenen Ebenen des Daseins, nämlich:

1. Die vegetative Lebenstätigkeit in den Zellen unseres sichtbaren Körpers, wie sie auch im Pflanzenreich offenbar ist.

2. Die physiologische Tätigkeit unserer körperlichen Organe.

3. Ein psychisches Traumleben, Sympathien und Antipathien und daraus entspringende Darstellungen.

4. Ein Leben der Instinkte, Begierden und Leidenschaften.

5. Ein Feld der intellektuellen Verstandestätigkeit.

6. Ein höheres Seelenleben, worin unsere Ideale wohnen, das Feld der höheren Seelenkräfte, der Intuition, des Glaubens, der Liebe und anderer geistiger Kräfte.

Die vegetative Tätigkeit des Lebensprinzips in unserem sichtbaren Körper, das Wachstum der Zellen, der Nägel, Haare usw. findet ohne unser Bewusstsein statt. Die Lebenstätigkeit unserer Organe, Verdauung, Herztätigkeit usw. findet im gesunden Zustande ebenfalls statt, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Auch im Traumleben kann von einem klaren Bewusstsein unter gewöhnlichen Umständen kaum die Rede sein; erst im Leben der Instinkte und Begierden erwacht die Empfindung des Ichs und seiner Beziehungen, welche im intellektuellen Leben in den Vordergrund tritt. Im höheren Seelenleben erweitert sich der Begriff der Individualität, bis er am Ende nicht nur unsere Persönlichkeit, sondern die ganze Menschheit und alles umfasst, und die Illusion der Eigenheit und des Getrenntseins vom Ganzen verschwindet.

Es ist nur ein Gott; aber es sind vielerlei Kräfte. Es ist nur ein Leben, aber es offenbart sich auf vielerlei Art; es ist nur ein Dasein, aber es stellt sich in den verschiedenen Wesen verschieden dar; es ist nur ein Licht, aber in verschiedenen Körpern leuchtet es verschieden und bringt in ihnen verschiedene Farben hervor; es ist nur ein Schall, aber seine Schwingungen sind verschieden und äußern sich als mancherlei Töne. Mit geistigen Dingen verhält es sich ebenso. Es gibt nur ein Bewusstsein, aber es tritt in den verschiedenen Geschöpfen, je nach ihrer Beschaffenheit verschieden auf. Es gibt nur eine Liebe; aber sie wirkt verschieden je nach dem Gegenstand, auf den sie gerichtet ist. Gott ist die unteilbare Einheit und das Leben in allen Dingen, aber die Art seiner Offenbarung ist bedingt durch die Eigenschaften der Formen, in denen er wirkt. In der groben Materie stellt sie sich dar als die Wirkung der bekannten physikalischen und chemischen Kräfte, im Organismus als uns unbewusstes physiologisches Wirken des Willens in der Natur. Im Traumleben als halb bewusste Empfindung, magnetische Anziehung (Sympathie und Antipathie), Instinkte und selbsttätiges Spiel der Fantasie. Im psychischen Leben wird sie empfunden in verschiedenen Graden, von dem geheimen Sehnen und uneingestandenen Begehren bis zur tobenden Leidenschaft, die das Blut in Wallung versetzt und die Vernunft betäubt. Auf der intellektuellen Ebene äußert sich die Wirkung des Lebens im Denken und Erinnern, in der Sammlung, Verbindung und Zergliederung von Ideen; in der höheren Seelenregion aber durch die direkte Empfindung und Erkenntnis des Wahren, Erleuchtung und Intuition.

Da alles im Geiste, welcher das Leben von allem ist, seinen Ursprung hat, so ist auch in jedem Dinge Leben und Bewusstsein, und wenn materielle Dinge geistlos zu sein scheinen, so ist dies nur deshalb der Fall, weil in ihnen, in Folge ihrer materiellen Verdichtung nicht die zur Offenbarung des Geistes nötigen Bedingungen vorhanden waren. Selbst Gravitation, Kohäsion und dgl. sind Zeugen für die Anwesenheit des Lebens in der Materie, ohne welche z. B. ein Stein weder Schwerkraft noch Zusammenhang seiner Atome finden könnte. Desgleichen ist auch hinter jeder mechanisch wirkenden Kraft ein geistiger Zustand derselben verborgen. Hinter der Gravitation und Kohäsion steckt die göttliche Liebe, die in ihrem höchsten Zustande selbstexistierend und gegenstandslos ist, sich aber im höheren Seelenleben als Liebe zum Guten, Wahren und Schönen, im tierischen Leben als Begierde und Leidenschaft, im Pflanzenreiche als Reizbarkeit, im Mineralreiche als chemische Wahlverwandtschaft äußert. Was im äußeren Sinnesleben das Licht ist, das ist für das Seelenleben die Erkenntnis und für den Intellekt der Verstand. Was wir den Willen nennen, ist, wenn es von der Materie beherrscht ist, ein machtloses Ding, im geistigen Zustande eine magische, Welten schaffende Kraft. Es ist im Grunde genommen nur ein Gesetz, aber es bringt auf den verschiedenen Stufen des Daseins verschiedene Wirkungen hervor. Auch herrscht überall in der Natur ein Zusammenhang. Aus intellektuellen und moralischen Ursachen entstehen, wie man es täglich beobachten kann, äußerlich sichtbare Folgen unter den Menschen, Revolutionen und dergl., und es ist den Eingeweihten bekannt, dass auch aus den Zuständen der Seele der Welt entsprechende Naturerscheinungen, Erdbeben, vulkanische Ausbrüche usw., entspringen. Jede Kraft hat ihre äußerliche und innerliche Beschaffenheit; wenn auch gleich nicht jede für uns offenbar ist. Der äußerliche Schall ist dem äußerlichen Ohre, der innerliche dem inneren Menschen vernehmbar. Die Stimme des Gewissens spricht ebenso vernehmlich zum inneren Sinn, als der Klang der Glocken zum äußeren Gehör. Was uns in der Physik als Elektrizität bekannt ist, ist im geistigen Zustande Fohat oder Lebenselektrizität; der Magnetismus, welcher die Magnetnadel nach dem Nordpole richtet, führt im geistigen Gebiete gleich gestimmte Seelen zusammen. Es gibt nichts Totes in dieser lebendigen Welt; alles hat Leben, Geist und Bewusstsein; es handelt sich nur darum, es zu erwecken, und hierzu bedarf es einer dazu geeigneten, körperlichen oder seelischen Organisation.

Aus der Tätigkeit der Lebenselemente in dem Organismus der Form entspringt das Bewusstsein der Form, nebst ihrer Empfindungs- und Wahrnehmungsfähigkeit usw., welche in allen Reichen der Natur in verschiedenen Graden enthalten ist; denn wo Empfindung ist, da muss auch Bewusstsein vorhanden sein, und ohne ein Leben und Bewusstsein irgendwelcher Art ist nicht einmal eine chemische Reaktion unter mineralischen Stoffen denkbar. Wo ein Reiz wirkt, da muss auch irgendeine Art von Empfindung sein.

Hier ist es aber von Wichtigkeit, zwischen Bewusstsein und Selbstbewusstsein zu unterscheiden. Die niederen Formen in der Natur sind wohl Erscheinungen, in denen Kräfte der großen Natur wirken, und in denen das Naturbewusstsein (anima mundi) während ihres Daseins individualisiert erscheint. Solange eine solche Form zusammenhält, treibt sie der Erdgeist (der Wille in der Natur) zum Handeln; ihr Bewusstsein besteht in der Summe der Bewusstseinsformen der Elemente, aus denen sie aufgebaut sind, aber es ist in ihnen kein Selbstbewusstsein, d. h. kein Bewusstsein des Ichs. Das Ich ist die Seele. Auch die Tiere haben Seele (anima), wie schon ihr Name in den lateinischen Sprachen (animalia) bezeichnet; sie sind, wie auch der tierische Mensch, Verkörperungen von Naturkräften, welche geistiger Natur und Formen des Naturbewusstseins sind; sie können intelligent und auch liebevoll sein; aber ihre Seele ist noch nicht zu dem Bewusstsein des Ich bin, der Ich bin erwacht.

Jedem dieser Elemente des Naturbewusstseins oder Lebenskeime, aus denen ein Geschöpf gebildet ist, wohnt, wenn auch ihm selbst unbewusst, seine Erinnerung inne, die das Resultat seiner Erfahrungen in früheren Daseinsformen ist; sie bilden seine Natur und treiben es instinktiv zu Handlungen an, die seiner Natur gemäß sind. So kommt es, dass der Vogel ein Meister im Fliegen, der Fisch ein Meister im Schwimmen ist, ohne es erst nach seiner Geburt gelernt zu haben; dass die Spinne ihr Netz webt und die Biene ihr Haus baut, ohne von jemandem darin unterrichtet worden zu sein. Diese geistig-psychischen Elemente werden im Sanskrit als Skandhas, in der Bibel als das Fleisch bezeichnet. Bei jeder Geburt eines Geschöpfes findet eine solche Wiederansammlung von solchen Skandhas, die schon früher existiert haben, eine neue Auferstehung des Fleisches und dessen Verkörperung statt, und in jedem Atom dieses Fleisches sind die ihm eigentümlichen, angeborenen Instinkte verborgen.

Überall, wo Reizbarkeit, Empfindung oder Wahrnehmung ist, da ist auch eine Seele; d. h. ein Ich, welches gereizt werden, empfinden und wahrnehmen kann; aber nicht in jedem Wesen ist dieses Ich sich seiner selbst bewusst. Der tierische Mensch sieht wohl, dass er in seiner körperlichen Erscheinung etwas von andern Erscheinungen Verschiedenes ist, aber solange in ihm das innerliche Leben der Seele nicht erwacht ist, ist sein Selbstwahn nur ein aus äußerlichen Wahrnehmungen entstandener Verstandesbegriff; das wahre Selbstbewusstsein tritt erst mit dem Erwachen des Seelenlebens ein. Ein Mensch kann sehr intellektuell, gelehrt und äußerlich fromm sein; er kann einen großen Eigendünkel haben und meinen, gottähnlich zu sein, und dabei doch kein wahres Selbstbewusstsein haben. Er ist in diesem Falle einer Seifenblase ähnlich, in welchem das Spiel des Lichtes der Natur verschiedene Farben erzeugt. Er glaubt Freiheit des Willens zu haben, handelt aber nicht selbst, sondern tut das, wozu die in ihm wirkenden instinktiven oder intellektuellen Naturkräfte ihn treiben; er ist wie »Faust« auf dem Blocksberge.

Man glaubt zu treiben und man wird getrieben.

Ein Mensch dagegen, in welchem das innerliche Seelenleben und wahre Selbstbewusstsein erwacht ist, steht über seiner vergänglichen Natur und beherrscht seine Natur durch den Geist; er wird in seinen Handlungen nicht von seinen natürlichen Instinkten geleitet, noch handelt er aus Berechnung seines Vorteils, sondern aus der klaren Erkenntnis der höheren Prinzipien. Darin besteht das wahre Selbstbewusstsein, dass der Mensch nicht in seiner Fantasie, sondern in Wahrheit über seine Persönlichkeit mit ihrem Begehren, Wollen und Denken erhaben ist, dieselbe, als ein nur zeitweilig mit ihm verbundenes und ihm zugehöriges Ding erkennt, dieselbe leiten und sie dem höheren geistigen Willen gehorchen machen kann. Nur wer zum klaren und wahren Selbstbewusstsein gekommen ist, kann vollkommen Herr über sich selbst sein; nur wer das in ihm erwachte innere Leben kennt, kann sein äußerliches Leben vollkommen regieren; er wird nicht mehr von persönlichen sinnlichen Wünschen getrieben und ist seinen tierischen Instinkten nicht Untertan, sondern ihr Herr. Der innerliche erwachte göttliche Mensch ist das Licht, der äußere sinnliche mit seinen weltlichen Neigungen der Schatten. Solange der Schatten das Licht beherrscht, kann das Licht nicht offenbar werden; wird aber das Licht offenbar, so verschwindet die Dunkelheit. Der zum wahren Selbstbewusstsein erwachte innere Mensch ist der Meister, der in der Freiheit lebt; der äußerliche persönliche Mensch ist von den Ketten des Unverstandes und Irrtums gebunden und bleibt gefesselt, solange er diese Ketten liebt. Lässt er sie fallen, dann ist der Herr sein Erlöser; dann wird auch der äußere Mensch vom Lichte der Selbsterkenntnis durchleuchtet und frei. Der Erlöser wohnt nicht außer uns, er hat seinen Thron in uns selbst.

Alles dies wird in den verschiedenen Religionssystemen gelehrt; aber weil es bisher nur wenig wissenschaftlich begründet wurde, so findet es wenig Beachtung; die meisten begnügen sich mit einem Traumleben ihrer Fantasie und denken nicht daran, zum wirklichen Leben zu erwachen. Die wissenschaftliche Begründung aber liegt in dem richtigen Verständnisse der Lehren von der Beschaffenheit des Menschengeistes und seiner Wiederverkörperung in seinen aufeinanderfolgenden persönlichen Erscheinungen auf unserer Erde. Die Wahrheit dieser Lehre beruht aber nicht auf Vermutungen, Schlussfolgerungen und Wahrscheinlichkeiten, sondern sie wird von jedem Eingeweihten, in welchem das wahre Selbstbewusstsein erwacht ist, aus eigener innerlicher Erfahrung erkannt. Diese Wahrheit bedarf keines Beweises, wohl aber bedürfen wir der Fähigkeit, sie zu begreifen. Die Schlafenden und Geistlosen können sie nicht erfassen. Ich bin Gott; nicht ein Gott der Toten, sondern ein Gott der Lebendigen, spricht der Herr; d. h. diejenigen, die zum innerlichen geistigen Leben gelangt sind, kennen ihn als ihr eigenes göttliches Selbst. Geistig betrachtet erscheint uns die menschliche Individualität als ein göttlicher Lichtstrahl der Geistessonne der Welt und eingehaucht in die Seele des Menschen. Er ist die Quelle des Lebens im Menschen und ruft in der Seele zweierlei Arten von Kräften, die niederen und die höheren, hervor. Aus den niederen Wirkungen des Lebens entspringen die irdischen Begierden und Neigungen, welche den Menschen an das irdische Dasein fesseln, aus den höheren stammt das Gefühl für das Höhere, welches die Seele zum Höheren emporzieht und leitet. Somit sind in jedem Menschen gleichsam zwei Naturen enthalten, und es findet in ihm ein beständiger Kampf zwischen dem Guten und Bösen, d. h. zwischen dem, was ihn erhebt und dem, was ihn erniedrigt, statt, wie jeder vorwärtsstrebende Mensch aus eigener Erfahrung weiß. Nach dem Tode findet eine Trennung des Höheren vom Niederen statt. Der unsterbliche Teil kehrt zu seiner göttlichen Quelle zurück und nimmt mit sich diejenigen Elemente und Erinnerungen, die er sich während seines Daseins auf Erden erworben hat und die seinem himmlischen Wesen angepasst sind; die anderen Elemente bleiben zurück und lösen sich auf. Nach einer bestimmten Zeit der Ruhe, wenn die himmlischen Empfindungen ausgeklungen haben und in der Seele wieder der Drang nach irdischem Dasein sich regt, führt sie derselbe Lichtstrahl wieder zu diesem Dasein zurück, sie schafft sich wieder eine neue persönliche Erscheinung, stattet sie mit den von ihr erworbenen Talenten, Neigungen usw. aus, und es beginnt wieder dasselbe Spiel. So gleicht die Seele einem Schmetterling und jedes Dasein einer Blume; der Schmetterling fliegt von einer Blume zur andern, sammelt von jeder, was seiner Natur entspricht und lässt das Unbrauchbare zurück. Auch gleicht jedes menschliche Leben einem Tag im Jahre des Lebens in der Unsterblichkeit. So kommt es, dass in jedem normalen Menschen ein Schimmer des göttlichen Lichtes seines Vater im Himmel verborgen ist, auf dass er nidit nur das Sinnliche, sondern tief in seinem Herzen auch das Ewige fühlen und denken kann. Jeder ist selbst der Herkules am Scheidewege, dem die Wahl gelassen ist zwischen der Unsterblichkeit und dem Tod; weil es ihm frei steht, sich entweder dem Innerlichen, Göttlichen oder dem Äußerlichen, Sinnlichen und Vergänglichen zu ergeben. In dasjenige, was ein Mensch von Herzen liebt und worauf sein Gemüt gerichtet ist, geht die von der Welt scheidende Seele ein; denn seine Natur ist gleich der Natur dieses Wesens. Gott kehrt zu den Göttern, das Tier zu den Tieren zurück.

Wir müssen lernen, in uns selbst zwischen unserem innerlichen, geistig-göttlichen und unserem äußerlichen, sinnlichen Bewusstsein und Verstandes-Leben zu unterscheiden. Der christliche Mystiker Angelus Silesius spricht eine große Wahrheit aus, indem er sagt:

Ein Mensch, der schauet Gott, das Tier den Erdkloß an,

Aus diesem, was er ist, ein jeder sehen kann.

Unter dem tierischen oder äußerlichen Leben ist aber nicht etwas Verbrecherisches oder Verabscheuungswürdiges zu verstehen, denn auch die Tiere haben Tugenden, die mancher Mensch entbehrt, und zu dem äußerlichen Leben gehört nicht nur Essen und Trinken u. dgl., sondern auch Intelligenz und Scharfsinn, die manches Tier in hohem Grade besitzt. Jede Art von Leben hat ihren relativen Wert. Ohne die tierische Nahrung des Körpers wäre es auch mit der geistigen Entwicklung zu Ende, und Verstand und Wissen sind die höchsten Kräfte des sterblichen Menschen; aber von der intellektuellen Entwicklung des sterblichen Menschen bis zur Erleuchtung seines unsterblichen Teils ist ein ebenso großer Schritt, als von dem Leben seiner tierischen Instinkte zur Verstandestätigkeit. Wer nur ein Gelehrter und weiter nichts ist, der kennt nur den Gang der Erscheinungen und ihre oberflächlichen Ursachen; er weiß nichts vom Geiste; aber der Weise kennt den Geist Gottes im Weltall und das Gesetz und sieht in allen Erscheinungen dessen Offenbarungen. Wer nichts sieht, als was ihm äußerlich angelehrt worden ist, sieht nur die Form; wer Gott in sich selber erkennt, sieht ihn und sein Wirken in allem, er kennt den Ursprung der Schöpfung und ihre Gesetze, selbst wenn er niemals ein Buch darüber gelesen hat und von niemandem darin unterrichtet worden ist. Er kennt die Wahrheit, nicht vom Hörensagen, noch durch Schlussfolgerungen, noch durch Inspiration von außen, sondern durch das innere Leben, in welchem das Licht der Selbsterkenntnis aufgegangen ist. So z. B. war Jakob Böhme nur ein Schuster und unbelesen und ungelernt; dennoch stimmt seine Philosophie mit derjenigen der indischen Weisen genau überein. Auch Gautama Buddha sagt von sich selbst: Die Lehre, welche ich verkünde, kam zu mir nicht durch Überlieferung oder Schlussfolgerung, nicht durch Inspiration oder Vergleiche, sondern in mir selbst eröffnete sich das Auge, in mir selbst erschien das Licht; in mir selbst wurde die Wahrheit (das geistige Leben) offenbar.

Für die Kuh ist duftendes Gras das Höchste, und es wäre töricht von ihr, es zu verachten. Sie hängt mit Liebe an ihrem Kalb, und es zu verleugnen wäre gegen ihre Natur. Jedes Geschöpf fühlt sich zu demjenigen Dinge angezogen, dessen es bedarf, die Pflanze zum Licht, die Biene, zum Honig, der Fisch zum Wasser, der Mensch zum Menschen, die Seele zu Gott. Der Kaufmann sammelt Gold, der Gelehrte häuft wissenschaftliche Schätze in seiner Gedächtniskammer an. Für den Verstandesmenschen, der noch kein Seelenleben kennt, ist das Wissen das Höchste, und würde er es verwerfen, so hätte er nichts; aber der Weise, in dessen Herzen der Funke der göttlichen Liebe das Licht der wahren Erkenntnis entzündet hat, steht höher; er ist an nichts Irdisches mehr gebunden; er verachtet es nicht und überschätzt es nicht, sondern beurteilt seine eigene Person und alles, was auf dieselbe Bezug hat, nach seinem wirklichen Wert.

Um aber auf diesen hohen Standpunkt zu gelangen, dazu bedarf es der Entwicklung der höheren Seelenkräfte, und diese bedürfen wiederum eines hierzu geeigneten seelischen Organismus, von dem allerdings die äußerliche Wissenschaft nichts wissen kann, wohl aber der im Geiste und in der Wahrheit wiedergeborene geistige Mensch. Glaube, Liebe, Hoffnung, Geduld und Gerechtigkeit sind keine Hirngespinste oder Gebilde der Fantasie, sondern Prinzipien, die bestimmt sind, im Menschen sich zu göttlichen Kräften zu entfalten, und hierzu ebenso sehr einen Organismus nötig haben, wie die Nervenkraft der Nerven oder das Blut der Adern zu seiner Zirkulation bedarf, oder die mechanische Kraft der Muskulatur. Ohne Festigkeit des psychischen Organismus ist auch eine Festigkeit des Charakters undenkbar. Dieser psychische Organismus wird im Allgemeinen als der Astralkörper bezeichnet.

Der Zweck aller Evolution ist die Erlangung und Befestigung des individuellen Selbstbewusstseins durch die Erkenntnis der Wahrheit. Nur wer sich seines wahren selbstbewusst ist, ist selbstständig und Herr seiner selbst. Dieses wahre Selbstbewusstsein ist aber nur dem im Geiste wiedergeborenen Menschen zu eigen. Solange der Astralkörper des Menschen nicht ausgebildet und organisiert und der innere Mensch lebendig geworden ist, kann auch von einem wahren Selbstbewusstsein im äußeren Menschen keine Rede sein. Der Astralkörper eines innerlich ungebildeten Menschen gleicht einer Wolke, welche diejenige Gestalt annimmt, welche die Richtung des Windes ihr gibt. Die Ausbildung des Astralkörpers ist somit ein Schritt zur Erlangung eines vom Leben des materiellen Körpers unabhängigen, menschlichen Selbstbewusstseins, ohne welches eine selbstbewusste Existenz nach dem Tode des Körpers nicht denkbar ist. Dieses individuelle und deshalb beschränkte Selbstbewusstsein aber bildet wieder eine Stufe zur Erlangung des Gottesbewusstseins, d. h. des Allselbstbewusstseins in Gott, welches die ganze Schöpfung umfasst, und welches den zur Vollkommenheit gelangten Menschen am Ende seiner Laufbahn erwartet. In diesem Zustand ist der Mensch nicht mehr Mensch, sondern Gott. Dieser Zustand ist über alle menschlichen Begriffe erhaben und wird von den Buddhisten Nirvana, von den Christen das »Einswerden mit Christus«, der geistigen Sonne der Schöpfung, genannt.

Das Bewusstsein des Menschen gleicht einem Lichte, das einen Raum erfüllt; das Selbstbewusstsein einem darin befindlichen Brennpunkte dieses Lichtes. Das äußerliche Leben mit seinen Sinneseindrücken bringt im menschlichen Bewusstsein allerdings auch einen scheinbaren Brennpunkt hervor, und aus diesem entspringt der Begriff des Ichs der Persönlichkeit. Der Mensch sieht, dass er in seiner Erscheinung, in seinem Empfinden und Denken etwas einzelnes ist. In dieser durch seine Vorstellung erzeugten Eigenheit sammelt er Dieses und Jenes und macht es sich zu eigen; aber dieses persönliche Selbstbewusstsein ist ein künstlich erzeugtes Ding, das sich nicht nur während des Lebens beständig verändert, je nachdem sich die erhaltenen Eindrücke ändern, sondern es wird auch nach dem Tode verschwinden, wenn neue Empfindungen und neue Eindrücke an die Stelle der verlassenen treten.

Die Erscheinungen des Traumlebens, der Traum und der Somnambulismus weisen darauf hin, dass es ein inneres Leben und ein vom alltäglichen verschiedenes Bewusstsein gibt. Was die Philosophen das Unbewusste nennen, ist nur beziehungsweise unbewusst. Es ist für uns das Unbewusste, solange es nicht zu unserem Bewusstsein gekommen ist. Tritt es in unser Bewusstsein, so hört es auf, für uns das Unbewusste zu sein. Tatsächlich ist dieses Unbewusste eine übersinnliche Form des Bewusstseins. Es gibt ein Überbewusstsein (über dem normalen), wie es ein Unterbewusstsein (unter dem normalen) gibt. Die Somnambule spricht von sich selbst in der dritten Person, behandelt ihre Person als ob diese eine andere, ihr untergebene wäre; während in ähnlicher Weise die Bevölkerung unserer Unterwelt, d. h. unseres Unterbewusstseins aus unterdrückten Regungen, Begierden, Leidenschaften und Vorstellungen, mit andern Worten aus falschen Ichen besteht, die ebenfalls von dort auftauchen und in den Masken von Persönlichkeiten, als Versucher und Teufel auftreten können. In einem Menschen, der zum innerlichen Leben gekommen ist, findet dagegen eine Vereinigung des höheren Selbstbewusstseins mit dem Bewusstsein der Persönlichkeit statt. Darin liegt der Schlüssel zur Erlangung der persönlichen Fortdauer nach dem Tode des Körpers, die kein Werk der Willkür, Laune, Überredung, des Meinungswechsels, der Konfession oder Vorstellung, sondern des langsamen Wachstums und unablässigen Kampfes ums geistige Dasein ist. Wer nicht an ein vom Leben des materiellen Körpers unabhängiges geistiges Dasein glaubt, wird es schwerlich erringen.

Das Bewusstsein des persönlichen Menschen ist wie ein Spiegel, in welchem sich alles widerspiegelt, was vor ihm erscheint. Es nimmt nicht nur sichtbare, sondern auch geistige Eindrücke auf. In ihm spiegeln sich die Bilder der Außenwelt, welche durch die äußerlichen Sinneswerkzeuge zur objektiven Wahrnehmung gelangen und die dadurch erzeugten Seelenstimmungen rufen subjektive Traumbilder darin hervor. Der Seele Fühlkraft erstreckt sich hinaus ins Weite und sammelt Ideen, und sie werden im Felde des Bewusstseins geboren, oder sie öffnet ihr Tor und es dringen Empfindungen und Gedanken in sie ein, von denen sie nicht weiß, woher sie kommen; sie empfindet Gefahren, die der Körper nicht sieht, und ahnt Dinge, die der Verstand nicht voraussetzen kann. Die Strahlen des Astrallichtes senden ihr Gutes und Böses aus der Gedächtniskammer der Seele der Welt. Aus den himmlischen Regionen erhält sie Empfindungen, die sie erheben, aus den teuflischen Einflüsse, die sie erniedrigen können. Jeder, in welchem der geistige Funke der göttlichen Liebe noch nicht gänzlich erloschen ist, kann die Gegenwart des Heiligen Geistes empfinden und erhält von ihm das Beste, das er besitzen kann, die Kraft des Gebets; während andererseits die Dünste der Hölle in ihm Vorstellungen der verschiedensten Art von Lust und Grausamkeit erwecken, die ihn zu Verbrechen reizen und den Schwächling dazu verleiten. Die törichten Handlungen und Verbrechen werden dadurch begangen, dass Menschen ohne Willenskraft und Selbstbeherrschung die Bilder, welche aus dem Astrallichte in ihr Bewusstsein gelangen, affenmäßig nachahmen und zur Ausführung bringen. Weder die Lichtblitze des Genies, noch die Bilder unserer Fantasie sind unsere eigenen Erzeugnisse; jedes Ding hat seine Quelle, aus der es stammt. Man gibt sich Einflüssen hin oder stößt sie zurück; aber man verfertigt sie nicht; man verarbeitet nur dasjenige, was man empfängt.

Unzählige Dinge treten in unser Bewusstsein ein, und unser Ich empfängt sie, ohne sich selbst zu kennen und ohne sich seines wirklichen Daseins bewusst zu sein. Auch die Tiere haben ihr Ich, welches Eindrücke empfängt und wahrnimmt, und doch kann bei diesen von einem wirklichen Selbstbewusstsein keine Rede sein. Dieses tritt erst dann ein, wenn im Menschen das geistig-göttliche Leben in ihm erwacht und er in sich selbst die ihm innewohnende Gottesnatur erkennt. Das Bewusstsein ist der Kreis, in welchem das Ich sich bewegt, und in welchem es, ohne sich selbst zu erkennen, objektive Wahrnehmungen macht und traumhafte Eindrücke von außen empfängt. Das Selbstbewusstsein ist das Dreieck, worin keine Trennung von Objekt und Subjekt stattfindet; sondern das Erkennen mit dem Erkannten durch die Kraft der Erkenntnis zu einer unteilbaren Einheit verbunden ist. Je mehr der Mensch den Wahn seiner Eigenheit verlässt und sich durch die Kraft der

Liebe (welche wohl zu unterscheiden ist von der Begierde nach Besitz) mit andern Wesen verbindet und die Einheit seines Wesens mit allen erkennt, um so mehr wächst sein Selbstbewusstsein und breitet sich aus; um so mehr wird er frei von den Banden der Täuschung, während der Egoist in seinem Eigendünkel erstickt.

In der Erkenntnis des wahren Selbsts allein findet der Mensch seine Unsterblichkeit; denn wenn er während seines Daseins im materiellen Körper nicht zum Selbstbewusstsein gekommen ist, so wird er auch, nachdem er sich von diesem getrennt hat, nicht zum Selbstbewusstsein erwachen, sondern dann wie jetzt ein Traumleben führen, in welchem die Eindrücke, die er während des Lebens in sich aufgenommen hat, zu Vorstellungen werden, und seine Umgebung bilden; nur mit dem Unterschiede, dass ihm, da ihn mit dem Leben auch der Geist und freie Wille verlassen hat, er nicht mehr Herr über diese Vorstellungen ist. Diese Vorstellungen sind für ihn Wirklichkeit; sie sind seine Welt und die Dauer derselben hängt von der Stärke der Eindrücke ab, die er empfangen hat, seien sie gut oder schlecht. So ist es wissenschaftlich erklärbar, dass die von heiliger Liebe erfüllte Seele alle Seligkeit des Himmels erfahren mag, während die von Selbstsucht und Hass erfüllte Seele, von Gewissensbissen gepeinigt, sich wohl in Zuständen befinden kann, wie sie Dante in seiner Hölle geschildert hat. Ist doch schon jetzt, wenn wir nicht im Sinnestaumel befangen sind, jede böse Erinnerung wie ein Insektenstich oder wie der Biss einer Schlange, und der lieblose Egoist braucht sich nicht auf einem Eisberge anzusiedeln, um sich in trostloser Öde kalt und verlassen zu fühlen.

Wir wissen von nichts und können nichts empfinden, als was in die Sphäre unseres Bewusstseins tritt. Selbst in diesem Leben wissen wir von der Außenwelt nichts, als die Eindrücke, die wir davon in unserem Bewusstsein erhalten. Die Zustände, die in uns Himmel, Hölle oder Fegefeuer hervorrufen, sind in uns selbst; die Bilder, die aus ihnen geboren werden, sind vergänglich, selbst wenn sie Jahrtausende dauern; aber in uns selbst ist auch das Reich Gottes, das Reich der Wahrheit und Wirklichkeit, das über alle Bilder und Vorstellungen erhaben ist, und um darin zum wahren Selbstbewusstsein zu erwachen, dazu verleiht uns der Heilige Geist der Selbsterkenntnis die nötige Kraft. Erst wenn wir dies erreicht haben, dann sind wir Herr unserer Handlungen; denn der Träumer und Narr muss tun, was ihm einfällt; nur der zur Selbsterkenntnis gekommene Mensch ist vollkommen frei.

Das Leben des Körpers ist vergänglich; die intellektuelle Tätigkeit des Gehirns hört mit dem Tode desselben auf; nur das Bewusstsein, das Leben und der Verstand der Seele gehört der Unsterblichkeit an. Deshalb ist es auch der Zweck aller wahren Religionen, dieses innere Leben wachzurufen, was nicht durch eine Wunderwirkung von außen, sondern nur durch die Erweckung im Innern erlangt werden kann. Zur Bekräftigung des Gesagten führen wir einige Bibelsprüche an, die nicht deshalb wahr sind, weil sie in der Bibel stehen, sondern weil sie wahr sind, stehen sie darin.

Der Mensch hat vor sich Leben und Tod. Welches er will, das wird ihm gegeben. (Sirach. XV. 17.)

Das Streben des Fleisches ist Tod; aber das Streben des Geistes ist Leben und Friede. (Römer VIII. 6.)

Alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit desselben wie des Grases Blumen. Das Gras verdorrt und seine Blume fällt ab, aber das Wort (das Leben) des Herrn bleibt in Ewigkeit. (I. Petrus I. 24.)

Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus (der Gottmensch) lebt in mir. (Galater II. 20.)

Wer den Sohn Gottes hat, der hat das (innere) Leben, und wer ihn nicht hat, der hat das Leben nicht. (I. Johannes V. 12.)

Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. (John. XIV. 16.)

Das innere Leben ist das Senfkorn, von dem die Bibel spricht Das Kleinste ist der Same in uns; aber wenn er aufwächst, ist er wie ein Baum, so dass die Vögel der Luft (die Erkenntnisse) kommen, und in seinen Zweigen ruhen. (Matth. XIII. 32.)

Das innere Leben ist der kostbare Schatz, der im Acker (im Geisteskörper) verborgen liegt. Wer ihn weiß, der verkauft alles, was er hat und kauft diesen Acker. (Matth. VIII. 32.)

Wer das innere Leben hat, dem wird noch mehr dazu gegeben; aber wer das innere Leben nicht hat, von dem wird auch das äußere Leben genommen. (Matth. XIII. 12.)

Diesen Zitaten könnten noch eine Menge andere aus der Bibel und anderen Schriften der Weisen beigefügt werden; aber das Obige genügt, um zu bezeugen, dass dieses innerliche Leben kein fantastisches Traumleben, sondern das wahre unsterbliche Leben ist, während sich unser äußerliches Leben dagegen nur wie eine vorübergehende Widerspiegelung desselben verhält. Es ist aber ein großer Irrtum, zu glauben, dass, wenn wir in diesem Leben nicht zum geistigen Seelenleben gelangen, es uns nach dem Tode auf eine übernatürliche Weise verschafft werden würde; vielmehr hat unser Dasein auf Erden den Zweck, uns zu diesem Leben zu führen; denn auf den Tag folgt die Nacht, in der niemand arbeiten kann.


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