Liebe ist das Leben, das in jedem Atom und in jeder Sonne pulsiert.
Blog

Themen

Crata Repoa

Dienstag, 28. Februar 2017 - 12:32 Uhr  |  Kategorie: Einweihung

Vorbereitung zur Einweihung von Crata Repoa

Wenn jemand Lust hatte, in die Gesellschaft von Crata Repoa zu treten, so musste er zuvörderst von einem solchen Eingeweihten besonders empfohlen werden. Gemeiniglich geschah solches von dem Könige selbst, durch ein Schreiben an die Priester. Die Priester aber wiesen ihn zuerst von Heliopolis ab, zu den Lehrern von Memphis; von Memphis wurde er nach Theben erwiesen.

Endlich wurde er beschnitten. Gleich darauf wurden ihm gewisse Speisen untersagt, und er durfte keinen Wein mehr trinken, als bis er in dem höheren Grad nur dann und wann dazu Erlaubnis erhielt. Endlich musste er einige Zeit, gleich einem Gefangenen, viele Monate hindurch, seinen eigenen Gedanken überlassen, in einer unterirdischen Höhle zubringen. Sie gaben ihm die Erlaubniß, seine Gedanken aufzuschreiben, welche sorgfältig untersucht wurden, um den Verstand des neuen Mitgliedes kennen zulernen. Darnach wurde er in einen Gang, mit Hermessäulen besetzt, geführt, worauf Sittensprüche waren, die er auswendig lernen musste.

So bald er diese auswendig wusste, kam Thesmosphores zu ihm. Er hielt eine starke Peitsche in der Hand, um den Pöbel vor dem Thor der Profanen aufzuhalten, durch welches er den neu Einzuweihenden führte.

Dem Eingeweihten wurden die Augen verbunden, und seine Hände mit starken leimernen Bändern gefesselt.

 

Erster Grad

Des Pastophoris oder Lehrlinge, der die Thür des Eingange zu dem Thor der Menschen zu bewachen hat

So bald der Lehrling in der Grotte zubereitet worden, so nahm ihn der06 Thesmosphores bei der Hand, und führte ihn vor das Thor der MenschenBey seiner Ankunft schlug der Thesmosphores einen älteren Pastophoris, der zur Bewachung der Türe außerhalb gestellt war, auf die Schulter, der alsdann den Lehrling durch ein Anklopfen an der Tür des Eingangs meldete.

Nach einigen an ihn geschehenen Fragen, eröffnete sich das Thor der Menschen und wurde der neu Eingeweihte eingelassen. Hier wurde er von dem Hierophantes wegen verschiedener Sachen befragt, worauf er genaue Antwort gehen mußte. Danach führte man den Lehrling in der Birantha herum. Während dieser Zeit verursachte man einen künstlichen Wind und ließ über den Eingeweihten regnen. Die Blitze fuhren ihm ins Gesicht, und schreckliche Donner erschütterten sein Gehör. Wenn nun der Lehrling durch nichts erschrocken werden konnte, so wurden ihm von dem Menies oder Gesetzleser die Verfassungen von Crata Repoa vorgelesen, welche er billigen musste.

Hatte er sich denenselben völlig unterworfen, so führte ihn der Thesmosphores vor den Hierophanten, vor welchem er mit entblößten Knien sich niederwerfen musste und indem man auf seine Kehle die Spitze eines scharfen Schwerts setzte, musste der Lehrling Treue und Verschwiegenheit angeloben, wobei Sonne, Mond und Sterne, als Zeugen der Wahrheit, angerufen wurden. Nach diesem Eide eröffnete man dem Lehrling die Augen und stellte ihn zwischen zwo Säulen, so Betilies heißen und viereckig waren. Zwischen diesen beiden Säulen lag eine Leiter von sieben Sprossen mit acht Türen von verschiedenen Matatteu. Man erklärte aber nicht gleich dem Lehrling diese Figuren, sondern der Hierophant hielt folgende Rede:

»Ich wende mich zu euch, die ihr das Recht habt, mich anzuhören. Schließet alle Türen fest zu, damit die Profanen und die Spötter nicht hineinkommen mögen. Ihr aber Mene Musée oder Kinder der Arbeit der himmlischen Untersuchung, höret meine Rede! Ich trage euch große Wahrheiten vor. Hütet euch vor Vorurteilen und Leidenschaften, welche euch von dem rechten Wege der Glückseligkeit entfernen werden. Richtet eure Gedanken auf das göttliche Wesen und lasset dasselbe stets vor euren Augen sein, um dadurch euer Herz und Sinne zu lenken. Wenn ihr den sichern Pfad der Glückseligkeit betreten wollt, so bedenkt, dass ihr stets vor den Augen des Allmächtigen einhergehet, der die Welt erschaffen. Es ist das einzige Wesen, welches alle Dinge erhält und hervorgebracht hat, und das von sich bestehet. Er sieht alles. Kein Sterblicher kann ihn sehen, und kein Meneh wird sich seinen Blicken entziehen.«

Nach dieser Rede zeigten sie dem Lehrling an, dass die Leiter, über deren Sprossen er gehen müsste, ein Sinnbild der Seelenwanderung wäre. Ferner belehrten sie ihn, dass die Namen der Götter eine ganz andere Bedeutung hätten, als das Volk glaubte. Sie erklärten ihm die Ursachen von den Winden, Blitz und Donner. Kurz, dieser Grad war der Naturlehre gewidmet. Dazu zählten sie die Anatomie und die Arzneikunst. Sie lehrten auch die symbolische Sprache und die gewöhnliche hieroglyphische Schrift.

Gleich nach seiner Aufnahme gab ihm der Hierophant das Losungswort, woran sich alle Eingeweihte erkannten, und welches Ameun hieß, und so viel, als sei verschwiegen, bedeutet. Sie erkannten sich auch an einem besondern Handgriff. Darnach erhielt er eine Art von Mütze, welche wie eine Pyramide gestaltet war. Seine Hüften umgürteten sie mit einem Schurztuche, so sie Xylon nannten. Um seinen Hals trug er eine Art von Kragen, der aber glatt an der Brust anschloss. Sonst ging er unbekleidet und musste das Thor der Menschen bewachen, so oft ihn die Reihe traf.

 

Zweite Grad

Neocoris

Wenn der Pastophoris in seinem Lehrjahre Merkmale von seinen Fähigkeiten gab, so wurde ihm ein starkes Fasten aufgelegt. Nach Vollendung desselben wurde der Neocoris in eine schwarze Kammer gebracht, so Endimion genannt wurde. Schmackhafte Speisen, welche von schönen Weibern ihm aufgetragen wurden, erfrischten seine abgemattete Kräfte. Dieses waren die Frauen der Priester, welche, gleich wie die Gefährtin der Diana, ihn besuchten, und ihn auf alle mögliche Weise zur Liebe reizten.

Wenn er diese Probe ausgestanden, so kam der Thesmospbores wiederum zu ihm und tat einige Fragen an ihn. Nach richtiger Beantwortung derselben wurde der Neocoris in die Versammlung geführt. Der Stolista oder Wasserträger begoss ihn mit Wasser. Er musste hierauf versichern, dass er keusch und züchtig gelebt habe. Wann diese Handlung geschehen war, so kam der Thesmosphores mit einer lebendigen Schlange auf ihn zugelaufen, warf sie ihm auf den Leib, und zog solche durch das Schurzkleid wiederum hervor.

Der ganze Ort der Zusammenkunft war gleichfalls mit Schlangen gefüllt, um den Neocoris zu schrecken. Je standhafter er diese Probe ausgehalten, desto mehr Lob erhielt derselbe nach seiner Aufnahme. Er wurde wieder zu zwei hohen Säulen geführt, in deren Mitte ein Greif zu sehen war, der ein Rad vor sich trieb. Man erklärte ihm diese Säule mit Orient und Occident. Der Greif war das Sinnbild der Sonne und das Rad mit vier Speichen die vier Jahreszeiten.

Eben hieran lehrte man ihn aber die Kunst, die Wasserwaage zu richten. Die Geometrie und Baukunst wurde ihm dabei gezeigt, und er lernte mit allen Maßstäben und Rechnungsarten umzugehen, deren er in der Folge sich zu bedienen hatte. Zu seinem Merkmal erhielt er einen Stab mit einer Schlange umwunden, und das Wort Heve war seine Losung, wobei man ihm den Fall des menschlichen Geschlechts erzählte. Sein Zeichen war, die beiden Arme kreuzweise über seine Brust zusammen zu schlagen. Ihr Amt bestand darin, die Säule zu waschen.

 

Dritter Grad

Das Thor des Todes, wobei der neue Eingeweihte Melanephoris genannt wurde.

Die Geschicklichkeit, und gute Ausführung des Neocoris machten ihn zu diesem Grade tüchtig. Man zeigte ihm selbst die Zeit seiner Aufnahme an. Er wurde von dem Thesmosphores in ein Vorzimmer geführt, über dessen Eingang Pforte des Todes geschrieben war. Dieses Zimmer war mit Vorstellung von unterschiedenen Arten einbalsamierter Körper und Särge besetzt. Alle Wände hingen von dergleichen Zeichnungen voll. Und da es der Ort war, wo die Leichname abgeliefert wurden, so fand der neue Melanephoris daselbst die Paraskisten und alle Heroi in Arbeit. In der Mitte aber stand der Sarg des Osiris, der noch, wegen der Erstickung, mit Blut überflossen war.

Man fragte den neuen Melanephoren, ob er an der Ermordung seines Herrn Teil genommen hätte? Nach der Verneinung dieser Frage ergriffen ihn zween TapixeytenSie führten ihn in einen Saal, wo alle übrige Melanephoren ganz schwarz gekleidet waren. Der König selbst, der allemal dieser Handlung mit beiwohnte, redete ihn, dem äußerlichen Schein nach, sehr freundlich an, und bat ihn, wofern er nicht glaubte, Herz genug zu haben, die Probe, so mit ihm vorgenommen werden sollte, auszustehen, dass er lieber die goldene Krone, so er ihm reichte, annehmen sollte.

Der neue Melanephor war aber schon vorher unterrichtet, diese Krone von sich zu werfen und sie mit Füßen zu treten. Sogleich rief der König: BeleidigungRache! Und hob ein Opferbeil auf, und schlug mit solchem den Melanephoren ganz leise vor den Kopf.

Die beiden Tapixeyten warfen den neuen Melanephoren von rückwärts auf die Erde, und die Paraskisten umwickelten ihn mit Mumienbändern. Unter dieser Handlung weinten die andern alle um ihn. Darnach brachten sie ihn wieder nach einem Thor, woran Heiligtum der Geister geschrieben war. Bei Eröffnung desselben fuhren Blitze und gewaltige Donnerschläge um den vermeinten Toten. Charon nahm die Leiche, als einen Geist, in seinen Kahn auf, und brachte ihn zu den unterirdischen Richtern. Pluto saß auf seinem Richterstuhl, Rhadamantus und Minos waren ihm zur Seite, wie auch AethonNycceusAlaster und Orpheus.

Es geschah an ihn sehr harte Fragen über seinen ganzen Lebenslauf, und endlich wurde er verdammt, in diesen unterirdischen Gängen zu verbleiben. Er wurde von den Bewickelungen der Leichentücher befreit, und erhielt neuen Unterricht, der in folgenden Sätzen bestand.

1. Niemals nach Blut zu dürsten, und seinen Mitgliedern in der Lebensgefahr beizuspringen.

2. Nie einen Toten unbegraben zu lassen.

3. Eine Auferstehung von den Toten und zukommendes Gericht zu erwarten.

Danach musste er sich einige Zeit auf das Malen legen, um die Särge der Mumien und Bänder auszieren zu können. Er erhielt eine Anweisung zu einer besondern Schrift, welche die Hierogrammatische genannt wurde, und die er bald nötig hatte; denn damit waren die Geschichte von Ägypten, die Erdbeschreibung, die Anfangsgründe der Sternkunde abgefasst. Er wurde auch in der Beredsamkeit unterrichtet, um künftighin die öffentlichen Leichenreden halten zu können. Sein Zeichen bestand in einer besondern Art von Umfassung, die Gewalt der Tod auszudrücken. Das Wort hieß: Monach Caron Mini. Ich zahle die Tage des Zorns.

Hier in diesen unterirdischen Gängen blieb er so lange, bis man sahe, ob er zu weitern Wissenschaften fähig war, oder ob er nur ein Paraskiste oder Heroi werden musste; denn heraus kam er hier zeitlebens nicht, wofern er nicht wahre Geschicklichkeit besaß.

 

Vierter Grad

Die Schlacht der Schatten.

Chistophoris

Wenn die Tage des Zorns vorbei waren, welche gemeiniglich anderthalb Jahr dauerten, so kam der Thesmosphores wieder zu ihm, grüßte ihn freundlich, und verlangte, dass er ihm folgen sollte, indem er ihn einen Degen und Schild gab. Sie gingen dunkle Gänge miteinander fort, bis endlich gewisse bekleidete Personen in grässlichen Gestalten erschienen, Fackeln und Schlangen trugen, und indem sie Panis riefen, ihn angriffen. Der Thesmosphores befahl ihm, sich tapfer zu wehren, und sich aller Gefahr entgegenzusetzen. Endlich wurde er von ihnen gefangen genommen, die Augen ihm wieder verbunden, und um seinen Hals ein Strick befestiget, doch so, dass er nicht konnte, gewürgt werden.

Darnach zogen sie ihn an die Erde bis zu dem Saal, wo er einen neuen Grad empfangen sollte. Die Schatten entfernten sich mit einem neuen Geschrei, welches schleunig entstand. Man richtete ihn auf, und führte ihn ganz entkräftet in die Zusammenkunft. Die Augen wurden ihm aufgebunden, und hier sah er die schönste Auszierung eines Saals mit den prächtigsten Gemälden behangen. Der König war selbst mit dem Demiurges gegenwärtig. Sie trugen alle ihre Alydei.

Um ihnen saßen die Stolistä oder Wasserträger, der Hierostalista mit der Feder auf dem Hut, als Sekretär, der Zacoris, so die Kasse führte, und der Komastis, der für die Mahlzeiten Sorge tragen musste. Der Odos oder Redner (Sänger) hielt darauf eine Rede, worin er dem neuen Christophoris zu seinem Vorsatz Glück wünschte. Er hätte aber nur noch die Hälfte seiner Arbeit überstanden, wovon er ihm gleichfalls Proben ablegen müsste.

Darnach wurde ihm ein Trank überreicht, der sehr bitter war und Cyce hieß. Diesen musste er ganz ausleeren. Hierauf übergab man ihm das Schild der Minerva, so auch Isis hieß, legte ihm die Stiefeln des Anubis an, der mit dem Merkur einerlei war, und den Mantel des Orci mit der Kappe. Er erhielt ein Schwert, und ihm wurde anbefohlen, der Person, welche er dort in der Höhle antreffen würde, den Kopf abzuhauen, und ihn dem König zu bringen. Jedes Mitglied rief aus, NiobeDa ist die Höhle des Feindes. Es zeigte sich in dieser Höhle ein ungemein schönes Frauenzimmer, welches gleichsam zu leben schien, und sehr künstlich von seinen Blasen und Häuten verfertigt war.

Zu dieser gieng der neue Chistophores, fasste sie bei den Haaren und hieb ihr den Kopf ab. Er brachte solchen zu dem Könige und zu dem Demiurges, die seine Heldentat lobten und ihm erzählten, er habe das Haupt der Gorgo abgehauen, die mit dem Typhon vermählt gewesen, und Anlass zu dem Mord des Osiris gegeben hätte. Er sollte beständig ein Rächer des Bösen sein. Hierauf behielt er die Erlaubnis, stets mit der Kleidung, so ihm gegeben worden, zu gehen. Sein Name wurde in ein Buch eingetragen, worin alle Richter des Landes standen.

Er hatte den freien Umgang mit dem Könige. Er erhielt seine tägliche Nahrung vom Hof. Er empfing alle Gesetzbücher des Landes und einen Orden, den er jedoch nur bei der Aufnahme eines Chistophoris oder nur in der Stadt Sais tragen durfte. Es stellte die Isis oder Minerva in Gestalt einer Eule vor. Man gab ihm davon folgende Erklärung, dass der Mensch bei seiner Geburt ebenso blind, als eine Eule wäre, durch Proben und durch die Weltweisheit aber ein Mensch würde. Der Helm bedeutete den größten Grad der Weisheit, der Kopf der Gorgone, die Unterdrückung der Leidenschaften. Der Schild die Beschützung für Spottreden. Die Säule die Standhaftigkeit. Der Wasserkrug, den Durst nach Wissenschaften. Der Köcher mit den Pfeilen, die Beredsamkeit. Der Spieß, die Überredung von weiten, da man nämlich durch seinen Ruf andere gleichsam verwunden könnte. Der Palm- und Ölzweig den Frieden.

Ferner lehrten dies ihn, dass der Name des großen Gesetzgebers Joa hieß. Dieses Wort war auch ihr Losungswort. Sie hielten zuweilen Zusammenkünfte, worin niemand als alle Chistophores kommen durften. Solches Kapitel hieß Pyron. Sie hatten ein Kapitelwort, nämlich Sasychis. Sonst musste er sich auf die Ammanische Sprache legen.

  

Fünfter Grad

Balahate

Der Chistophoris besaß das Recht, diesen Grad zu fordern, den ihm der Demiurges nicht abschlagen durfte. Er wurde also nach dem Orte der Zusammenkunft geführt, woselbst er von allen Mitgliedern empfangen und in den Saal eingeführt wurde. Darauf geschah eine Art von Schauspiel, welches er nur ansehen durfte und davon zuletzt die Erklärung erhielt. Eine Person, die Horus genannt wurde, ging in der Begleitung einiger Balahaten, welche alle Fackeln trugen, in dem Saal herum, und sie schienen etwas zu suchen. Endlich fieng Horus an, seinen Degen zu zucken. Man sah daraus in einer Höhle, über welcher Flammen hervor schlugen, den Typhon ganz traurig als einen Mörder sitzen. Horus nahte sich ihm. Typhon aber stand auf, und zeigte sich in einer schrecklichen Gestalt. Hundert Köpfe saßen auf seinen Schultern. Sein ganzer Leib war mit Schuppen besetzt, und seine Arme von einer erstaunlichen Länge. Nichtsdestoweniger ging Horus zu ihm, warf ihn zu Boden, und erlegte ihn. Man warf seinen Körper, nachdem man den Kopf abgeschlagen hatte, in die Höhle, aus der nun grässliche Flammen hervorbrachen. Der Kopf aber wurde jedem gewiesen, ohne ein Wort zu sprechen.

Der neue Balahate empfing hierauf die Nachricht, dass Typhon das Feuer bedeutete, das eines der schrecklichsten Elemente wäre, ohne welches doch in der Welt nichts ausgerichtet werden könnte. Horus, die Arbeit und der Fleiß, könnten aber daraus großen Nutzen schöpfen, wenn sie die Gewalt desselben gleichsam zu töten wüssten. Hierauf wurde dem Balahat die Anweisung zur Chemie gezeigt, und wofern er Lust dazu hatte, stand es ihm frei, ihren Untersuchungen, so oft, als er wollte, beizuwohnen.

Zu diesem Ende war sein Losungswort Chymia.

 

Sechster Grad

Astronomus vor der Pforte der Götter

Dieser Grad war mit einigen Vorbereitungen verbunden, und wurde er bei dem Eintritt in den Saal der Zusammenkunft, sogleich in Fesseln und Banden gelegt. Der Theomosphores führte ihn darauf zuerst nach der Pforte des Todes zurück, welche viele Stufen hatte, die man heruntersteigen musste, weil bei der Einweihung vom 3ten Grad die Höhle mit Wasser angefüllt war. Hier sah er Leichen liegen, welche als Verräter der Gesellschaft umgebracht waren. Man drohte ihm ein gleiches Schicksal, und nun wurde er wiederum zurückgeführt, einen neuen Eid zu schwören. Nach Ablegung desselben wurde ihm der Ursprung der ganzen Götterlehre erzählt, und ihm die Anweisung zur praktischen Sternkunde beigebracht. Er musste des Nachts den Beobachtungen beiwohnen und ihnen arbeiten helfen.

Er wurde für den Astrologen und Horoskopen gewarnt; denn gegen diese hatten sie einen wahren Haß und Abscheu, indem sie die Urheber aller Abgötterei und Aberglaubens waren. Diese falschen Lehrer des Volks hatten sich das Wort Phoenix zu ihrer Losung erwählt, worüber die Astronomi nur spotteten. Gleich nach seiner Aufnahme führte man ihn zu der Pforte der Götter, und eröffnete ihm solche. Er fand sie daselbst alle abgemalt, wobei ihm der Demiurgus alle Auslegung ihrer Geschichte selbst erteilte, ohne ihm etwas zu verschweigen. Auch zeigten sie ihm die Reihe ihrer schon gehabten Oberaufseher an, und die Liste ihrer in der ganzen Welt zerstreuten Mitglieder. Sie lehrten ihn auch einen priesterlichen Tanz, in dessen Gängen die Laufbahn der Gestirne vorgestellt war.

Das Losungswort war Ibis, welches Kranich bedeutete, und das Sinnbild der Wachsamkeit vorstellte.

 

Siebenter Grad

Propheta oder vielmehr Sapheuatly per-nah, ein Mann der die Geheimnisse weiß.

Der letzte und vorzüglichste Grad, worin alle Geheimnisse genauer erklärt wurden. Der Astronomus konnte, ohne Erlaubnis und Bewilligung des Königs, der Demiurgen und aller höheren Mitglieder, diesen Grad nicht erhalten. Sie hielten darauf öffentliche Umgänge, wobei sie jederzeit alle Heiligtümer dem Volke zeigten. Dieser Umgang wurde Pamylach genennet. So bald diese vorbei waren, giengen sie des Nachts heimlich aus der Stadt, wo gewisse Häuser lagen, die in einem Viereck gebaut waren und verschiedene Stuben hatten, so alle prächtig bemalt waren, und das menschliche Leben vorstellten.

Diese Häuser wurden Maneras genannt, denn das gemeine Volk glaubte, sie hätten einen besondern Umgang mit den abgeschiedenen Manes. Wenn sie in diesen Häusern ankamen, die mit vielen Säulen, woran wechselweise ein Sphinx und Sarg stand, umgeben waren, so überreichte man dem neuen Propheten einen Trank Oimellas, und sagte ihm dabei, dass nunmehr alle Proben ein Ende hätten.

Darnach empfing er ein Kreuz von besonderer Bedeutung, welches er beständig tragen musste. Er bekam ein schönes weißes gestreiftes und recht weites Kleid, so Etangi hieß. Sein Kopfputz war viereckig. Zu seinem Zeichen hatte er hauptsächlich dieses, dass er seine Hände gemeiniglich in seinen weiten Ärmeln kreuzweise zu stecken pflegte. Hierauf wurden ihm alle Haare abgeschnitten.

Darnach erhielt er die Erlaubnis, alle geheime Bücher zu lesen, welche in der Amonischen Sprache geschrieben waren, wozu er die Chiffre erhielt, so königlicher Baubalken genannt wurde. Der größte Vorzug, den sie erhielten, bestand darin, dass sie die Könige konnten wählen helfen. Ihr Wort ist gewesen Adon. Er konnte auch, nach einer gewissen Zeit, Ämter in der Gesellschaft erhalten, und Demiurges werden.

 

Die Bedienungen nebst der Kleidung

1. Demiurges, der oberste Aufseher der Gesellschaft, trug einen himmelblauen Rock mit Sternen gestickt, und einen gelben Gürtel57. Er trug einen Saphir mit Edelgesteinen umfasst an einer goldnen Kette um den Hals. Er war zugleich der höchste Richter im ganzen Lande.

2. Hierophantes, war beinah so bekleidet, als der Demiurges, nur mit dem Unterschiede, dass er ein Kreuz trug.

3. Stolista, der Wasserträger, hatte einen weißen gestreiften Rock an, und eine besondere Art von Stiefeln. Er hatte alle Kleidungen unter seiner Verwahrung.

4. Der Hierostolista trug eine Feder auf dem Hut, und ein Gefäß, so Canonicon genannt wurde, und eine zylindrische Gestalt hatte, worin Tinte zum schreiben war.

5. Der Thesmosphores war derjenige, der alle Eingeweihte einführen musste.

6. Der Zacoris führte die Kasse.

7. Der Komastis musste den Tisch besorgen. Unter ihn standen alle Pastopbores.

8. Odos der Redner und Sänger.

 

Mahlzeit

Sie mussten sich vorher alle waschen, bevor sie sich zu Tisch setzten.

Sie durften keinen Wein, sondern nur Bier trinken.

Bei Tisch wurden entweder ein ganzes Skelet, oder ein Buroi (Sarcopeja) Sarg, herumgezeigt, worauf der Odos das Maneros, dass ist, o Tod, komm uns zu rechter Stunde, anstimmte, so von allen Mitgliedern mitgesungen wurde. Nach Endigung der Mahlzeit gingen sie zu ihren Geschäften und Betrachtungen, oder verfügten sich zur Ruhe, wofern sie nicht zu astronomischen Untersuchungen das Göttertor Biranta öffneten, in welchem Fall sie ganze Nächte durchmachen, und Beobachtungen anstellen mussten.

 


Die Kunst des Zuhörens

Freitag, 17. Februar 2017 - 08:28 Uhr  |  Kategorie: Psychologie

Man muss lernen zuzuhören. Um das zu lernen, muss man das Bewusstsein erwecken. Um zuhören zu können, muss man es verstehen, gegenwärtig zu sein. Derjenige, der zuhört, entweicht immer durch das psychologische Land und die psychologische Stadt. Die menschliche Persönlichkeit weiß nicht zuzuhören, ebenso wenig wie es der physische Körper kann, weil er ihr Vehikel ist.

Die Leute sind voll von sich selbst, voll von ihrem Stolz, ihren Fähigkeiten, ihren Theorien. Es gibt kein Eckchen, keinen leeren Raum für das Wissen, für das Wort. Wir müssen die Schüssel nach oben halten, wie der Buddha, um das christische Wort zu erhalten. Psychologisch zuzuhören ist sehr schwierig. Man muss lernen, aufmerksam zu sein, um zuhören zu können. Man muss aufnahmefähiger werden für das Wort.

Die Leute erinnern sich nicht ihrer früheren Existenzen, weil sie sich nicht innerhalb, sondern außerhalb ihres psychologischen Hauses befinden. Man muss sich an sich selbst erinnern. So oft wir können, müssen wir den Körper während des Tages entspannen.

Weil sie das Sein vergessen, begehen die Leute viele Fehler. Große Dinge geschehen uns, wenn wir uns an uns selbst erinnern. Beratschlagen ist notwendig, aber das Wichtige ist, zuhören zu können. Um dies zu erreichen, müssen wir das emotionale, das motorische und das intellektuelle Zentrum im Zustand der höchsten Aufmerksamkeit halten. Die falsche Erziehung hindert uns daran, zuzuhören. Die falsche Erziehung schädigt die fünf Zentren der menschlichen Maschine – das intellektuelle, motorische, emotionale, instinktive und sexuelle. Man muss mit spontanem Verstand zuhören, frei von mentalen Annahmen, Theorien und Vorurteilen. Man muss sich dem Neuen mit integralem Verstand öffnen, mit einem Verstand, der nicht durch den Kampf der Antithesen geteilt ist.


Der Quetzal

Mittwoch, 08. Februar 2017 - 08:10 Uhr  |  Kategorie: Anthropologie

Geschrieben von Samael Aun Weor

Der Vogel der Minerva ist das Symbol der Weisheit. Über den Quetzal wurde nicht wenig gesprochen; es sind trotzdem wenige, die fähig sind, das ganze Mysterium dieses heiligen Vogels zu verstehen.

Der Quetzal ist einer der schönsten Vögel der Welt. Sein Schwanz ist lang und wunderschön. Auf seinem Kopf glänzt ein Federbusch von unvergleichbarer Schönheit, grün und seidig. Das ganze Aussehen dieses Vogels lädt uns zur Reflexion ein.

Der Vogel der Minerva, der wunderbare Quetzal ist das Ergebnis aus unaufhörlichen Umwandlungen des Feuers. Die geheime Macht dieses Vogels erlaubt dem Menschen, sich in Gott zu verwandeln! Er erlaubt jedem, sich in das zu verwandeln, was er möchte.

Die geheime Macht dieses Vogels ist fähig die Chakras, Scheiben oder magnetischen Räder des Astralkörpers zu öffnen.

Wenn das heilige Pfingstfeuer durch den zentralen Kanal der Wirbelsäule aufsteigt, hat es die wunderbare Macht, sich in einen Vogel des Feuers umzuwandeln. Und dieser Vogel ist das Symbol des Quetzal! Und es ist der Vogel der Minerva. Und das ist der Schlüssel der priesterlichen Macht.


Das innere Leben

Donnerstag, 26. Januar 2017 - 17:16 Uhr  |  Kategorie: Mystik

Geschrieben von Dr. Franz Hartmann

Das Reich Gottes ist in uns.
(Lukas XVII. 21.)

Es ist eine merkwürdige Erscheinung, dass es so wenige Menschen gibt, die auf ihr innerliches Leben achten, und dass alle ihre Wünsche, Gedanken und Bestrebungen nur auf das äußerliche Leben gerichtet sind; da doch nur das innere Leben der Seele von Dauer und das Leben in der äußeren Sinneswelt nur eine vorübergehende Erscheinung ist. Der Grund dieses Irrtums liegt darin, dass nur wenige das innere Leben kennen, weil sie noch nicht innerlich erwacht sind. Millionen von Menschen sind äußerst lebendig im Äußeren sowohl als auch im Reiche der Fantasie; aber das unsterbliche Leben der Seele, das aus dem wahren Selbstbewusstsein im Herzen entspringt, kennen sie nicht, und deshalb vertauschen sie ihr väterliches Erbteil, das Reich Gottes, für ein Linsengericht.

Die Welt will heutzutage nur äußerlich scheinen, besitzen und wissen; man denkt nicht daran, was man in Wirklichkeit ist und vernachlässigt die Gelegenheit, die das Leben auf Erden bietet, in Wahrheit etwas zu werden; d. h. eine Individualität zu erringen, die nach dem Tode des Körpers bestehen kann. Man glaubt sich geistig auszubilden, wenn man sich nur mit intellektuellen Dingen beschäftigt, viel grübelt und studiert und seine Gedächtniskammer wohl mit allerlei Wissen versorgt; aber eine Erweiterung des Horizontes für den Verstand, so zweckdienlich diese auch sein mag, ist noch lange kein innerliches Wachstum, denn der Geist bedarf zu seiner Befestigung und Verkörperung der Seele, d. h. der Substanz, und ist ohne diese wie der Wind, welcher zum einen Fenster herein und zum anderen heraus bläst, und von dem niemand weiß, woher er kommt, oder wohin er geht (Job. III. 8).

Wir leben in einer seelenlosen und seelentötenden Zeit, in einer äußerlichen Scheinwelt. Das Oberste ist zu unterst und das Unterste nach oben gerichtet, wie es in der diesem Kapitel vorgesetzten Figur angedeutet ist. Sie bezeichnet den äußeren und inneren Menschen mit seinen fünf Sinnen, und die äußere und innere Welt. Der äußere mit der Spitze (dem Kopf) nach unten gerichtet, ist der verkehrte; der innere, erst im Entstehen begriffene Mensch steht mit dem Kopfe nach oben; d. h., sein Bestreben ist nach oben gerichtet; während die äußere Welt nur nach dem Unteren, dem Materiellen trachtet. Sie ist selber vergänglich und liebt das Vergängliche; sie ist selbst ein Scheinwesen und ihr Gott ist der Schein. Jeder rennt nach Schätzen, die am Ende in Staub und Asche zerfallen, und verliert auf dieser Jagd die herrlichsten, dauernden Güter. Das Höchste wird in den Dienst des Niedrigsten gestellt; das Göttliche zum Vorteile der Habsucht des einzelnen oder im Interesse des Sektierertums prostituiert; die Sinne werden trunken gemacht und die Vernunft betäubt; Klugheit im Dienste des Egoismus ist Herrscherin in der Welt anstelle der Weisheit; der Verstand wird überfüttert, die Intuition unterdrückt, das Ideale beiseite geschoben, und die Seele verschrumpft und verhungert dabei. Infolge der immer steigenden Bedürfnisse und des immer schwieriger werdenden Kampfes ums äußerliche Dasein ist der Egoismus sowohl für den einzelnen als auch für jede Klasse zu einer eisernen Notwendigkeit geworden, und Habsucht, Ehrgeiz und Neid rufen eine Menge von Teufeln ins Leben und ersticken jedes bessere Gefühl.

Wo kein Gefühl ist, da ist auch kein Leben; das Gefühl aber entspringt aus der Berührung. Niemand kann einen Gegenstand mit den Händen begreifen, wenn er nicht fähig ist, ihn zu befühlen, und ebenso wenig können wir dasjenige, was in uns göttlicher Natur und unsterblich ist, mit dem Verstände begreifen, wenn wir es nicht in unserem Innern fühlen können, und wir können es erst dadurch fühlen, dass wir mit ihm in Berührung kommen. Damit, dass wir uns von Gott, vom Himmel, oder vom geistigen Leben irgendeine Vorstellung machen, ist uns weniger gedient; wir können das äußerliche Leben in Wirklichkeit erst dadurch kennenlernen, dass wir selbst darin leben, mit ihm in Berührung kommen, es an uns selber erfahren, und dasselbe ist mit dem innerlichen, göttlichen Leben der Fall. Von einer Berührung der Seele mit dem göttlichen Geiste ist aber in unserer Zeit wenig zu merken. Allerdings ist das Kirchengetriebe noch überall in vollem Gange; aber es fehlt darin an religiösem Gefühl; die Religion ist vielfach zur Kopfarbeit geworden; das Herz bleibt dabei leer; die religiösen Schriften finden wenige Leser und noch weniger Verständnis, obgleich der Gegenstand, den sie behandeln, vor allen Dingen und für jedermann am Ende das Wichtigste ist.

Um uns hierüber klar zu werden, müssen wir bedenken, was das Leben, sein Ursprung und seine Bestimmung ist. An der Lösung dieses Rätsels hat die äußerliche Naturwissenschaft seit Jahrtausenden vergebens gearbeitet, und wird sie nie finden, solange sie die einzige Quelle, aus welcher alles Leben und Dasein entspringt, nicht kennt oder sie absichtlich ignoriert, weil sie sich nicht wissenschaftlich, d. h. objektiv oder handgreiflich nachweisen lässt. Sie hat es nur mit der Tätigkeit des Lebens in seinen Erscheinungen, nur mit den Wirkungen und Offenbarungen des Lebens in der Materie, nicht aber mit dem Lebensprinzip zu tun, welches ebenso allgemein ist als der Äther des Weltenraums, und dessen Gegenwart auch nur durch seine Wirkungen erkannt werden kann. Wo aber die positive Wissenschaft nicht mehr weiter kann, da hilft uns die Religion auf die richtige Spur. Die Bibel lehrt, dass alles aus dem Worte erschaffen ist. Das Wort (Logos) ist Gott und sein Geist der Ursprung alles Lebens. Diesen Geist können wir allerdings nicht auf dem Wege der objektiven Forschung, wohl aber in unserem innerlichen Bewusstsein finden. Wer den Geist Gottes hat, und ihn in sich selber erkennt, der hat davon exaktes Wissen; der ist der richtige Positivist.

Der Geist bedarf für sich selber keiner Form; er ist unerschaffen und ewig. Alle Formen im Universum könnten aus sich selbst, ohne den Geist, keinen Geist erzeugen, wohl aber ist der Geist der Erzeuger und das Leben der Formen; das ewige Wort schafft durch seine ununterbrochene Tätigkeit die Organismen in der Natur und es bedarf dieser Organismen zu seiner Offenbarung, nicht aber zu seinem eigenen Sein; denn wenn auch alle Welten, Himmel und Erde vergingen, das Wort des Herrn bleibt ewig, was es von Ewigkeit ist; wie ja auch das Werk nicht den Künstler, sondern der Künstler das Werk schafft und durch dieses Schaffen seine Kunst offenbart, nur mit dem Unterschied, dass in dem ewigen Schaffen in der Natur Geist und Natur nicht wie der Maler und die Leinwand voneinander getrennt sind, sondern der Geist wirkt in der Natur und bringt durch seine Lebensfähigkeit alles aus ihr hervor.

Wenn wir uns selbst in unserem Inneren betrachten, so finden wir in uns verschiedene Leben, oder richtiger gesagt, verschiedene Wirkungen des Lebensprinzips auf verschiedenen Ebenen des Daseins, nämlich:

1. Die vegetative Lebenstätigkeit in den Zellen unseres sichtbaren Körpers, wie sie auch im Pflanzenreich offenbar ist.

2. Die physiologische Tätigkeit unserer körperlichen Organe.

3. Ein psychisches Traumleben, Sympathien und Antipathien und daraus entspringende Darstellungen.

4. Ein Leben der Instinkte, Begierden und Leidenschaften.

5. Ein Feld der intellektuellen Verstandestätigkeit.

6. Ein höheres Seelenleben, worin unsere Ideale wohnen, das Feld der höheren Seelenkräfte, der Intuition, des Glaubens, der Liebe und anderer geistiger Kräfte.

Die vegetative Tätigkeit des Lebensprinzips in unserem sichtbaren Körper, das Wachstum der Zellen, der Nägel, Haare usw. findet ohne unser Bewusstsein statt. Die Lebenstätigkeit unserer Organe, Verdauung, Herztätigkeit usw. findet im gesunden Zustande ebenfalls statt, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Auch im Traumleben kann von einem klaren Bewusstsein unter gewöhnlichen Umständen kaum die Rede sein; erst im Leben der Instinkte und Begierden erwacht die Empfindung des Ichs und seiner Beziehungen, welche im intellektuellen Leben in den Vordergrund tritt. Im höheren Seelenleben erweitert sich der Begriff der Individualität, bis er am Ende nicht nur unsere Persönlichkeit, sondern die ganze Menschheit und alles umfasst, und die Illusion der Eigenheit und des Getrenntseins vom Ganzen verschwindet.

Es ist nur ein Gott; aber es sind vielerlei Kräfte. Es ist nur ein Leben, aber es offenbart sich auf vielerlei Art; es ist nur ein Dasein, aber es stellt sich in den verschiedenen Wesen verschieden dar; es ist nur ein Licht, aber in verschiedenen Körpern leuchtet es verschieden und bringt in ihnen verschiedene Farben hervor; es ist nur ein Schall, aber seine Schwingungen sind verschieden und äußern sich als mancherlei Töne. Mit geistigen Dingen verhält es sich ebenso. Es gibt nur ein Bewusstsein, aber es tritt in den verschiedenen Geschöpfen, je nach ihrer Beschaffenheit verschieden auf. Es gibt nur eine Liebe; aber sie wirkt verschieden je nach dem Gegenstand, auf den sie gerichtet ist. Gott ist die unteilbare Einheit und das Leben in allen Dingen, aber die Art seiner Offenbarung ist bedingt durch die Eigenschaften der Formen, in denen er wirkt. In der groben Materie stellt sie sich dar als die Wirkung der bekannten physikalischen und chemischen Kräfte, im Organismus als uns unbewusstes physiologisches Wirken des Willens in der Natur. Im Traumleben als halb bewusste Empfindung, magnetische Anziehung (Sympathie und Antipathie), Instinkte und selbsttätiges Spiel der Fantasie. Im psychischen Leben wird sie empfunden in verschiedenen Graden, von dem geheimen Sehnen und uneingestandenen Begehren bis zur tobenden Leidenschaft, die das Blut in Wallung versetzt und die Vernunft betäubt. Auf der intellektuellen Ebene äußert sich die Wirkung des Lebens im Denken und Erinnern, in der Sammlung, Verbindung und Zergliederung von Ideen; in der höheren Seelenregion aber durch die direkte Empfindung und Erkenntnis des Wahren, Erleuchtung und Intuition.

Da alles im Geiste, welcher das Leben von allem ist, seinen Ursprung hat, so ist auch in jedem Dinge Leben und Bewusstsein, und wenn materielle Dinge geistlos zu sein scheinen, so ist dies nur deshalb der Fall, weil in ihnen, in Folge ihrer materiellen Verdichtung nicht die zur Offenbarung des Geistes nötigen Bedingungen vorhanden waren. Selbst Gravitation, Kohäsion und dgl. sind Zeugen für die Anwesenheit des Lebens in der Materie, ohne welche z. B. ein Stein weder Schwerkraft noch Zusammenhang seiner Atome finden könnte. Desgleichen ist auch hinter jeder mechanisch wirkenden Kraft ein geistiger Zustand derselben verborgen. Hinter der Gravitation und Kohäsion steckt die göttliche Liebe, die in ihrem höchsten Zustande selbstexistierend und gegenstandslos ist, sich aber im höheren Seelenleben als Liebe zum Guten, Wahren und Schönen, im tierischen Leben als Begierde und Leidenschaft, im Pflanzenreiche als Reizbarkeit, im Mineralreiche als chemische Wahlverwandtschaft äußert. Was im äußeren Sinnesleben das Licht ist, das ist für das Seelenleben die Erkenntnis und für den Intellekt der Verstand. Was wir den Willen nennen, ist, wenn es von der Materie beherrscht ist, ein machtloses Ding, im geistigen Zustande eine magische, Welten schaffende Kraft. Es ist im Grunde genommen nur ein Gesetz, aber es bringt auf den verschiedenen Stufen des Daseins verschiedene Wirkungen hervor. Auch herrscht überall in der Natur ein Zusammenhang. Aus intellektuellen und moralischen Ursachen entstehen, wie man es täglich beobachten kann, äußerlich sichtbare Folgen unter den Menschen, Revolutionen und dergl., und es ist den Eingeweihten bekannt, dass auch aus den Zuständen der Seele der Welt entsprechende Naturerscheinungen, Erdbeben, vulkanische Ausbrüche usw., entspringen. Jede Kraft hat ihre äußerliche und innerliche Beschaffenheit; wenn auch gleich nicht jede für uns offenbar ist. Der äußerliche Schall ist dem äußerlichen Ohre, der innerliche dem inneren Menschen vernehmbar. Die Stimme des Gewissens spricht ebenso vernehmlich zum inneren Sinn, als der Klang der Glocken zum äußeren Gehör. Was uns in der Physik als Elektrizität bekannt ist, ist im geistigen Zustande Fohat oder Lebenselektrizität; der Magnetismus, welcher die Magnetnadel nach dem Nordpole richtet, führt im geistigen Gebiete gleich gestimmte Seelen zusammen. Es gibt nichts Totes in dieser lebendigen Welt; alles hat Leben, Geist und Bewusstsein; es handelt sich nur darum, es zu erwecken, und hierzu bedarf es einer dazu geeigneten, körperlichen oder seelischen Organisation.

Aus der Tätigkeit der Lebenselemente in dem Organismus der Form entspringt das Bewusstsein der Form, nebst ihrer Empfindungs- und Wahrnehmungsfähigkeit usw., welche in allen Reichen der Natur in verschiedenen Graden enthalten ist; denn wo Empfindung ist, da muss auch Bewusstsein vorhanden sein, und ohne ein Leben und Bewusstsein irgendwelcher Art ist nicht einmal eine chemische Reaktion unter mineralischen Stoffen denkbar. Wo ein Reiz wirkt, da muss auch irgendeine Art von Empfindung sein.

Hier ist es aber von Wichtigkeit, zwischen Bewusstsein und Selbstbewusstsein zu unterscheiden. Die niederen Formen in der Natur sind wohl Erscheinungen, in denen Kräfte der großen Natur wirken, und in denen das Naturbewusstsein (anima mundi) während ihres Daseins individualisiert erscheint. Solange eine solche Form zusammenhält, treibt sie der Erdgeist (der Wille in der Natur) zum Handeln; ihr Bewusstsein besteht in der Summe der Bewusstseinsformen der Elemente, aus denen sie aufgebaut sind, aber es ist in ihnen kein Selbstbewusstsein, d. h. kein Bewusstsein des Ichs. Das Ich ist die Seele. Auch die Tiere haben Seele (anima), wie schon ihr Name in den lateinischen Sprachen (animalia) bezeichnet; sie sind, wie auch der tierische Mensch, Verkörperungen von Naturkräften, welche geistiger Natur und Formen des Naturbewusstseins sind; sie können intelligent und auch liebevoll sein; aber ihre Seele ist noch nicht zu dem Bewusstsein des Ich bin, der Ich bin erwacht.

Jedem dieser Elemente des Naturbewusstseins oder Lebenskeime, aus denen ein Geschöpf gebildet ist, wohnt, wenn auch ihm selbst unbewusst, seine Erinnerung inne, die das Resultat seiner Erfahrungen in früheren Daseinsformen ist; sie bilden seine Natur und treiben es instinktiv zu Handlungen an, die seiner Natur gemäß sind. So kommt es, dass der Vogel ein Meister im Fliegen, der Fisch ein Meister im Schwimmen ist, ohne es erst nach seiner Geburt gelernt zu haben; dass die Spinne ihr Netz webt und die Biene ihr Haus baut, ohne von jemandem darin unterrichtet worden zu sein. Diese geistig-psychischen Elemente werden im Sanskrit als Skandhas, in der Bibel als das Fleisch bezeichnet. Bei jeder Geburt eines Geschöpfes findet eine solche Wiederansammlung von solchen Skandhas, die schon früher existiert haben, eine neue Auferstehung des Fleisches und dessen Verkörperung statt, und in jedem Atom dieses Fleisches sind die ihm eigentümlichen, angeborenen Instinkte verborgen.

Überall, wo Reizbarkeit, Empfindung oder Wahrnehmung ist, da ist auch eine Seele; d. h. ein Ich, welches gereizt werden, empfinden und wahrnehmen kann; aber nicht in jedem Wesen ist dieses Ich sich seiner selbst bewusst. Der tierische Mensch sieht wohl, dass er in seiner körperlichen Erscheinung etwas von andern Erscheinungen Verschiedenes ist, aber solange in ihm das innerliche Leben der Seele nicht erwacht ist, ist sein Selbstwahn nur ein aus äußerlichen Wahrnehmungen entstandener Verstandesbegriff; das wahre Selbstbewusstsein tritt erst mit dem Erwachen des Seelenlebens ein. Ein Mensch kann sehr intellektuell, gelehrt und äußerlich fromm sein; er kann einen großen Eigendünkel haben und meinen, gottähnlich zu sein, und dabei doch kein wahres Selbstbewusstsein haben. Er ist in diesem Falle einer Seifenblase ähnlich, in welchem das Spiel des Lichtes der Natur verschiedene Farben erzeugt. Er glaubt Freiheit des Willens zu haben, handelt aber nicht selbst, sondern tut das, wozu die in ihm wirkenden instinktiven oder intellektuellen Naturkräfte ihn treiben; er ist wie »Faust« auf dem Blocksberge.

Man glaubt zu treiben und man wird getrieben.

Ein Mensch dagegen, in welchem das innerliche Seelenleben und wahre Selbstbewusstsein erwacht ist, steht über seiner vergänglichen Natur und beherrscht seine Natur durch den Geist; er wird in seinen Handlungen nicht von seinen natürlichen Instinkten geleitet, noch handelt er aus Berechnung seines Vorteils, sondern aus der klaren Erkenntnis der höheren Prinzipien. Darin besteht das wahre Selbstbewusstsein, dass der Mensch nicht in seiner Fantasie, sondern in Wahrheit über seine Persönlichkeit mit ihrem Begehren, Wollen und Denken erhaben ist, dieselbe, als ein nur zeitweilig mit ihm verbundenes und ihm zugehöriges Ding erkennt, dieselbe leiten und sie dem höheren geistigen Willen gehorchen machen kann. Nur wer zum klaren und wahren Selbstbewusstsein gekommen ist, kann vollkommen Herr über sich selbst sein; nur wer das in ihm erwachte innere Leben kennt, kann sein äußerliches Leben vollkommen regieren; er wird nicht mehr von persönlichen sinnlichen Wünschen getrieben und ist seinen tierischen Instinkten nicht Untertan, sondern ihr Herr. Der innerliche erwachte göttliche Mensch ist das Licht, der äußere sinnliche mit seinen weltlichen Neigungen der Schatten. Solange der Schatten das Licht beherrscht, kann das Licht nicht offenbar werden; wird aber das Licht offenbar, so verschwindet die Dunkelheit. Der zum wahren Selbstbewusstsein erwachte innere Mensch ist der Meister, der in der Freiheit lebt; der äußerliche persönliche Mensch ist von den Ketten des Unverstandes und Irrtums gebunden und bleibt gefesselt, solange er diese Ketten liebt. Lässt er sie fallen, dann ist der Herr sein Erlöser; dann wird auch der äußere Mensch vom Lichte der Selbsterkenntnis durchleuchtet und frei. Der Erlöser wohnt nicht außer uns, er hat seinen Thron in uns selbst.

Alles dies wird in den verschiedenen Religionssystemen gelehrt; aber weil es bisher nur wenig wissenschaftlich begründet wurde, so findet es wenig Beachtung; die meisten begnügen sich mit einem Traumleben ihrer Fantasie und denken nicht daran, zum wirklichen Leben zu erwachen. Die wissenschaftliche Begründung aber liegt in dem richtigen Verständnisse der Lehren von der Beschaffenheit des Menschengeistes und seiner Wiederverkörperung in seinen aufeinanderfolgenden persönlichen Erscheinungen auf unserer Erde. Die Wahrheit dieser Lehre beruht aber nicht auf Vermutungen, Schlussfolgerungen und Wahrscheinlichkeiten, sondern sie wird von jedem Eingeweihten, in welchem das wahre Selbstbewusstsein erwacht ist, aus eigener innerlicher Erfahrung erkannt. Diese Wahrheit bedarf keines Beweises, wohl aber bedürfen wir der Fähigkeit, sie zu begreifen. Die Schlafenden und Geistlosen können sie nicht erfassen. Ich bin Gott; nicht ein Gott der Toten, sondern ein Gott der Lebendigen, spricht der Herr; d. h. diejenigen, die zum innerlichen geistigen Leben gelangt sind, kennen ihn als ihr eigenes göttliches Selbst. Geistig betrachtet erscheint uns die menschliche Individualität als ein göttlicher Lichtstrahl der Geistessonne der Welt und eingehaucht in die Seele des Menschen. Er ist die Quelle des Lebens im Menschen und ruft in der Seele zweierlei Arten von Kräften, die niederen und die höheren, hervor. Aus den niederen Wirkungen des Lebens entspringen die irdischen Begierden und Neigungen, welche den Menschen an das irdische Dasein fesseln, aus den höheren stammt das Gefühl für das Höhere, welches die Seele zum Höheren emporzieht und leitet. Somit sind in jedem Menschen gleichsam zwei Naturen enthalten, und es findet in ihm ein beständiger Kampf zwischen dem Guten und Bösen, d. h. zwischen dem, was ihn erhebt und dem, was ihn erniedrigt, statt, wie jeder vorwärtsstrebende Mensch aus eigener Erfahrung weiß. Nach dem Tode findet eine Trennung des Höheren vom Niederen statt. Der unsterbliche Teil kehrt zu seiner göttlichen Quelle zurück und nimmt mit sich diejenigen Elemente und Erinnerungen, die er sich während seines Daseins auf Erden erworben hat und die seinem himmlischen Wesen angepasst sind; die anderen Elemente bleiben zurück und lösen sich auf. Nach einer bestimmten Zeit der Ruhe, wenn die himmlischen Empfindungen ausgeklungen haben und in der Seele wieder der Drang nach irdischem Dasein sich regt, führt sie derselbe Lichtstrahl wieder zu diesem Dasein zurück, sie schafft sich wieder eine neue persönliche Erscheinung, stattet sie mit den von ihr erworbenen Talenten, Neigungen usw. aus, und es beginnt wieder dasselbe Spiel. So gleicht die Seele einem Schmetterling und jedes Dasein einer Blume; der Schmetterling fliegt von einer Blume zur andern, sammelt von jeder, was seiner Natur entspricht und lässt das Unbrauchbare zurück. Auch gleicht jedes menschliche Leben einem Tag im Jahre des Lebens in der Unsterblichkeit. So kommt es, dass in jedem normalen Menschen ein Schimmer des göttlichen Lichtes seines Vater im Himmel verborgen ist, auf dass er nidit nur das Sinnliche, sondern tief in seinem Herzen auch das Ewige fühlen und denken kann. Jeder ist selbst der Herkules am Scheidewege, dem die Wahl gelassen ist zwischen der Unsterblichkeit und dem Tod; weil es ihm frei steht, sich entweder dem Innerlichen, Göttlichen oder dem Äußerlichen, Sinnlichen und Vergänglichen zu ergeben. In dasjenige, was ein Mensch von Herzen liebt und worauf sein Gemüt gerichtet ist, geht die von der Welt scheidende Seele ein; denn seine Natur ist gleich der Natur dieses Wesens. Gott kehrt zu den Göttern, das Tier zu den Tieren zurück.

Wir müssen lernen, in uns selbst zwischen unserem innerlichen, geistig-göttlichen und unserem äußerlichen, sinnlichen Bewusstsein und Verstandes-Leben zu unterscheiden. Der christliche Mystiker Angelus Silesius spricht eine große Wahrheit aus, indem er sagt:

Ein Mensch, der schauet Gott, das Tier den Erdkloß an,

Aus diesem, was er ist, ein jeder sehen kann.

Unter dem tierischen oder äußerlichen Leben ist aber nicht etwas Verbrecherisches oder Verabscheuungswürdiges zu verstehen, denn auch die Tiere haben Tugenden, die mancher Mensch entbehrt, und zu dem äußerlichen Leben gehört nicht nur Essen und Trinken u. dgl., sondern auch Intelligenz und Scharfsinn, die manches Tier in hohem Grade besitzt. Jede Art von Leben hat ihren relativen Wert. Ohne die tierische Nahrung des Körpers wäre es auch mit der geistigen Entwicklung zu Ende, und Verstand und Wissen sind die höchsten Kräfte des sterblichen Menschen; aber von der intellektuellen Entwicklung des sterblichen Menschen bis zur Erleuchtung seines unsterblichen Teils ist ein ebenso großer Schritt, als von dem Leben seiner tierischen Instinkte zur Verstandestätigkeit. Wer nur ein Gelehrter und weiter nichts ist, der kennt nur den Gang der Erscheinungen und ihre oberflächlichen Ursachen; er weiß nichts vom Geiste; aber der Weise kennt den Geist Gottes im Weltall und das Gesetz und sieht in allen Erscheinungen dessen Offenbarungen. Wer nichts sieht, als was ihm äußerlich angelehrt worden ist, sieht nur die Form; wer Gott in sich selber erkennt, sieht ihn und sein Wirken in allem, er kennt den Ursprung der Schöpfung und ihre Gesetze, selbst wenn er niemals ein Buch darüber gelesen hat und von niemandem darin unterrichtet worden ist. Er kennt die Wahrheit, nicht vom Hörensagen, noch durch Schlussfolgerungen, noch durch Inspiration von außen, sondern durch das innere Leben, in welchem das Licht der Selbsterkenntnis aufgegangen ist. So z. B. war Jakob Böhme nur ein Schuster und unbelesen und ungelernt; dennoch stimmt seine Philosophie mit derjenigen der indischen Weisen genau überein. Auch Gautama Buddha sagt von sich selbst: Die Lehre, welche ich verkünde, kam zu mir nicht durch Überlieferung oder Schlussfolgerung, nicht durch Inspiration oder Vergleiche, sondern in mir selbst eröffnete sich das Auge, in mir selbst erschien das Licht; in mir selbst wurde die Wahrheit (das geistige Leben) offenbar.

Für die Kuh ist duftendes Gras das Höchste, und es wäre töricht von ihr, es zu verachten. Sie hängt mit Liebe an ihrem Kalb, und es zu verleugnen wäre gegen ihre Natur. Jedes Geschöpf fühlt sich zu demjenigen Dinge angezogen, dessen es bedarf, die Pflanze zum Licht, die Biene, zum Honig, der Fisch zum Wasser, der Mensch zum Menschen, die Seele zu Gott. Der Kaufmann sammelt Gold, der Gelehrte häuft wissenschaftliche Schätze in seiner Gedächtniskammer an. Für den Verstandesmenschen, der noch kein Seelenleben kennt, ist das Wissen das Höchste, und würde er es verwerfen, so hätte er nichts; aber der Weise, in dessen Herzen der Funke der göttlichen Liebe das Licht der wahren Erkenntnis entzündet hat, steht höher; er ist an nichts Irdisches mehr gebunden; er verachtet es nicht und überschätzt es nicht, sondern beurteilt seine eigene Person und alles, was auf dieselbe Bezug hat, nach seinem wirklichen Wert.

Um aber auf diesen hohen Standpunkt zu gelangen, dazu bedarf es der Entwicklung der höheren Seelenkräfte, und diese bedürfen wiederum eines hierzu geeigneten seelischen Organismus, von dem allerdings die äußerliche Wissenschaft nichts wissen kann, wohl aber der im Geiste und in der Wahrheit wiedergeborene geistige Mensch. Glaube, Liebe, Hoffnung, Geduld und Gerechtigkeit sind keine Hirngespinste oder Gebilde der Fantasie, sondern Prinzipien, die bestimmt sind, im Menschen sich zu göttlichen Kräften zu entfalten, und hierzu ebenso sehr einen Organismus nötig haben, wie die Nervenkraft der Nerven oder das Blut der Adern zu seiner Zirkulation bedarf, oder die mechanische Kraft der Muskulatur. Ohne Festigkeit des psychischen Organismus ist auch eine Festigkeit des Charakters undenkbar. Dieser psychische Organismus wird im Allgemeinen als der Astralkörper bezeichnet.

Der Zweck aller Evolution ist die Erlangung und Befestigung des individuellen Selbstbewusstseins durch die Erkenntnis der Wahrheit. Nur wer sich seines wahren selbstbewusst ist, ist selbstständig und Herr seiner selbst. Dieses wahre Selbstbewusstsein ist aber nur dem im Geiste wiedergeborenen Menschen zu eigen. Solange der Astralkörper des Menschen nicht ausgebildet und organisiert und der innere Mensch lebendig geworden ist, kann auch von einem wahren Selbstbewusstsein im äußeren Menschen keine Rede sein. Der Astralkörper eines innerlich ungebildeten Menschen gleicht einer Wolke, welche diejenige Gestalt annimmt, welche die Richtung des Windes ihr gibt. Die Ausbildung des Astralkörpers ist somit ein Schritt zur Erlangung eines vom Leben des materiellen Körpers unabhängigen, menschlichen Selbstbewusstseins, ohne welches eine selbstbewusste Existenz nach dem Tode des Körpers nicht denkbar ist. Dieses individuelle und deshalb beschränkte Selbstbewusstsein aber bildet wieder eine Stufe zur Erlangung des Gottesbewusstseins, d. h. des Allselbstbewusstseins in Gott, welches die ganze Schöpfung umfasst, und welches den zur Vollkommenheit gelangten Menschen am Ende seiner Laufbahn erwartet. In diesem Zustand ist der Mensch nicht mehr Mensch, sondern Gott. Dieser Zustand ist über alle menschlichen Begriffe erhaben und wird von den Buddhisten Nirvana, von den Christen das »Einswerden mit Christus«, der geistigen Sonne der Schöpfung, genannt.

Das Bewusstsein des Menschen gleicht einem Lichte, das einen Raum erfüllt; das Selbstbewusstsein einem darin befindlichen Brennpunkte dieses Lichtes. Das äußerliche Leben mit seinen Sinneseindrücken bringt im menschlichen Bewusstsein allerdings auch einen scheinbaren Brennpunkt hervor, und aus diesem entspringt der Begriff des Ichs der Persönlichkeit. Der Mensch sieht, dass er in seiner Erscheinung, in seinem Empfinden und Denken etwas einzelnes ist. In dieser durch seine Vorstellung erzeugten Eigenheit sammelt er Dieses und Jenes und macht es sich zu eigen; aber dieses persönliche Selbstbewusstsein ist ein künstlich erzeugtes Ding, das sich nicht nur während des Lebens beständig verändert, je nachdem sich die erhaltenen Eindrücke ändern, sondern es wird auch nach dem Tode verschwinden, wenn neue Empfindungen und neue Eindrücke an die Stelle der verlassenen treten.

Die Erscheinungen des Traumlebens, der Traum und der Somnambulismus weisen darauf hin, dass es ein inneres Leben und ein vom alltäglichen verschiedenes Bewusstsein gibt. Was die Philosophen das Unbewusste nennen, ist nur beziehungsweise unbewusst. Es ist für uns das Unbewusste, solange es nicht zu unserem Bewusstsein gekommen ist. Tritt es in unser Bewusstsein, so hört es auf, für uns das Unbewusste zu sein. Tatsächlich ist dieses Unbewusste eine übersinnliche Form des Bewusstseins. Es gibt ein Überbewusstsein (über dem normalen), wie es ein Unterbewusstsein (unter dem normalen) gibt. Die Somnambule spricht von sich selbst in der dritten Person, behandelt ihre Person als ob diese eine andere, ihr untergebene wäre; während in ähnlicher Weise die Bevölkerung unserer Unterwelt, d. h. unseres Unterbewusstseins aus unterdrückten Regungen, Begierden, Leidenschaften und Vorstellungen, mit andern Worten aus falschen Ichen besteht, die ebenfalls von dort auftauchen und in den Masken von Persönlichkeiten, als Versucher und Teufel auftreten können. In einem Menschen, der zum innerlichen Leben gekommen ist, findet dagegen eine Vereinigung des höheren Selbstbewusstseins mit dem Bewusstsein der Persönlichkeit statt. Darin liegt der Schlüssel zur Erlangung der persönlichen Fortdauer nach dem Tode des Körpers, die kein Werk der Willkür, Laune, Überredung, des Meinungswechsels, der Konfession oder Vorstellung, sondern des langsamen Wachstums und unablässigen Kampfes ums geistige Dasein ist. Wer nicht an ein vom Leben des materiellen Körpers unabhängiges geistiges Dasein glaubt, wird es schwerlich erringen.

Das Bewusstsein des persönlichen Menschen ist wie ein Spiegel, in welchem sich alles widerspiegelt, was vor ihm erscheint. Es nimmt nicht nur sichtbare, sondern auch geistige Eindrücke auf. In ihm spiegeln sich die Bilder der Außenwelt, welche durch die äußerlichen Sinneswerkzeuge zur objektiven Wahrnehmung gelangen und die dadurch erzeugten Seelenstimmungen rufen subjektive Traumbilder darin hervor. Der Seele Fühlkraft erstreckt sich hinaus ins Weite und sammelt Ideen, und sie werden im Felde des Bewusstseins geboren, oder sie öffnet ihr Tor und es dringen Empfindungen und Gedanken in sie ein, von denen sie nicht weiß, woher sie kommen; sie empfindet Gefahren, die der Körper nicht sieht, und ahnt Dinge, die der Verstand nicht voraussetzen kann. Die Strahlen des Astrallichtes senden ihr Gutes und Böses aus der Gedächtniskammer der Seele der Welt. Aus den himmlischen Regionen erhält sie Empfindungen, die sie erheben, aus den teuflischen Einflüsse, die sie erniedrigen können. Jeder, in welchem der geistige Funke der göttlichen Liebe noch nicht gänzlich erloschen ist, kann die Gegenwart des Heiligen Geistes empfinden und erhält von ihm das Beste, das er besitzen kann, die Kraft des Gebets; während andererseits die Dünste der Hölle in ihm Vorstellungen der verschiedensten Art von Lust und Grausamkeit erwecken, die ihn zu Verbrechen reizen und den Schwächling dazu verleiten. Die törichten Handlungen und Verbrechen werden dadurch begangen, dass Menschen ohne Willenskraft und Selbstbeherrschung die Bilder, welche aus dem Astrallichte in ihr Bewusstsein gelangen, affenmäßig nachahmen und zur Ausführung bringen. Weder die Lichtblitze des Genies, noch die Bilder unserer Fantasie sind unsere eigenen Erzeugnisse; jedes Ding hat seine Quelle, aus der es stammt. Man gibt sich Einflüssen hin oder stößt sie zurück; aber man verfertigt sie nicht; man verarbeitet nur dasjenige, was man empfängt.

Unzählige Dinge treten in unser Bewusstsein ein, und unser Ich empfängt sie, ohne sich selbst zu kennen und ohne sich seines wirklichen Daseins bewusst zu sein. Auch die Tiere haben ihr Ich, welches Eindrücke empfängt und wahrnimmt, und doch kann bei diesen von einem wirklichen Selbstbewusstsein keine Rede sein. Dieses tritt erst dann ein, wenn im Menschen das geistig-göttliche Leben in ihm erwacht und er in sich selbst die ihm innewohnende Gottesnatur erkennt. Das Bewusstsein ist der Kreis, in welchem das Ich sich bewegt, und in welchem es, ohne sich selbst zu erkennen, objektive Wahrnehmungen macht und traumhafte Eindrücke von außen empfängt. Das Selbstbewusstsein ist das Dreieck, worin keine Trennung von Objekt und Subjekt stattfindet; sondern das Erkennen mit dem Erkannten durch die Kraft der Erkenntnis zu einer unteilbaren Einheit verbunden ist. Je mehr der Mensch den Wahn seiner Eigenheit verlässt und sich durch die Kraft der

Liebe (welche wohl zu unterscheiden ist von der Begierde nach Besitz) mit andern Wesen verbindet und die Einheit seines Wesens mit allen erkennt, um so mehr wächst sein Selbstbewusstsein und breitet sich aus; um so mehr wird er frei von den Banden der Täuschung, während der Egoist in seinem Eigendünkel erstickt.

In der Erkenntnis des wahren Selbsts allein findet der Mensch seine Unsterblichkeit; denn wenn er während seines Daseins im materiellen Körper nicht zum Selbstbewusstsein gekommen ist, so wird er auch, nachdem er sich von diesem getrennt hat, nicht zum Selbstbewusstsein erwachen, sondern dann wie jetzt ein Traumleben führen, in welchem die Eindrücke, die er während des Lebens in sich aufgenommen hat, zu Vorstellungen werden, und seine Umgebung bilden; nur mit dem Unterschiede, dass ihm, da ihn mit dem Leben auch der Geist und freie Wille verlassen hat, er nicht mehr Herr über diese Vorstellungen ist. Diese Vorstellungen sind für ihn Wirklichkeit; sie sind seine Welt und die Dauer derselben hängt von der Stärke der Eindrücke ab, die er empfangen hat, seien sie gut oder schlecht. So ist es wissenschaftlich erklärbar, dass die von heiliger Liebe erfüllte Seele alle Seligkeit des Himmels erfahren mag, während die von Selbstsucht und Hass erfüllte Seele, von Gewissensbissen gepeinigt, sich wohl in Zuständen befinden kann, wie sie Dante in seiner Hölle geschildert hat. Ist doch schon jetzt, wenn wir nicht im Sinnestaumel befangen sind, jede böse Erinnerung wie ein Insektenstich oder wie der Biss einer Schlange, und der lieblose Egoist braucht sich nicht auf einem Eisberge anzusiedeln, um sich in trostloser Öde kalt und verlassen zu fühlen.

Wir wissen von nichts und können nichts empfinden, als was in die Sphäre unseres Bewusstseins tritt. Selbst in diesem Leben wissen wir von der Außenwelt nichts, als die Eindrücke, die wir davon in unserem Bewusstsein erhalten. Die Zustände, die in uns Himmel, Hölle oder Fegefeuer hervorrufen, sind in uns selbst; die Bilder, die aus ihnen geboren werden, sind vergänglich, selbst wenn sie Jahrtausende dauern; aber in uns selbst ist auch das Reich Gottes, das Reich der Wahrheit und Wirklichkeit, das über alle Bilder und Vorstellungen erhaben ist, und um darin zum wahren Selbstbewusstsein zu erwachen, dazu verleiht uns der Heilige Geist der Selbsterkenntnis die nötige Kraft. Erst wenn wir dies erreicht haben, dann sind wir Herr unserer Handlungen; denn der Träumer und Narr muss tun, was ihm einfällt; nur der zur Selbsterkenntnis gekommene Mensch ist vollkommen frei.

Das Leben des Körpers ist vergänglich; die intellektuelle Tätigkeit des Gehirns hört mit dem Tode desselben auf; nur das Bewusstsein, das Leben und der Verstand der Seele gehört der Unsterblichkeit an. Deshalb ist es auch der Zweck aller wahren Religionen, dieses innere Leben wachzurufen, was nicht durch eine Wunderwirkung von außen, sondern nur durch die Erweckung im Innern erlangt werden kann. Zur Bekräftigung des Gesagten führen wir einige Bibelsprüche an, die nicht deshalb wahr sind, weil sie in der Bibel stehen, sondern weil sie wahr sind, stehen sie darin.

Der Mensch hat vor sich Leben und Tod. Welches er will, das wird ihm gegeben. (Sirach. XV. 17.)

Das Streben des Fleisches ist Tod; aber das Streben des Geistes ist Leben und Friede. (Römer VIII. 6.)

Alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit desselben wie des Grases Blumen. Das Gras verdorrt und seine Blume fällt ab, aber das Wort (das Leben) des Herrn bleibt in Ewigkeit. (I. Petrus I. 24.)

Ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus (der Gottmensch) lebt in mir. (Galater II. 20.)

Wer den Sohn Gottes hat, der hat das (innere) Leben, und wer ihn nicht hat, der hat das Leben nicht. (I. Johannes V. 12.)

Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. (John. XIV. 16.)

Das innere Leben ist das Senfkorn, von dem die Bibel spricht Das Kleinste ist der Same in uns; aber wenn er aufwächst, ist er wie ein Baum, so dass die Vögel der Luft (die Erkenntnisse) kommen, und in seinen Zweigen ruhen. (Matth. XIII. 32.)

Das innere Leben ist der kostbare Schatz, der im Acker (im Geisteskörper) verborgen liegt. Wer ihn weiß, der verkauft alles, was er hat und kauft diesen Acker. (Matth. VIII. 32.)

Wer das innere Leben hat, dem wird noch mehr dazu gegeben; aber wer das innere Leben nicht hat, von dem wird auch das äußere Leben genommen. (Matth. XIII. 12.)

Diesen Zitaten könnten noch eine Menge andere aus der Bibel und anderen Schriften der Weisen beigefügt werden; aber das Obige genügt, um zu bezeugen, dass dieses innerliche Leben kein fantastisches Traumleben, sondern das wahre unsterbliche Leben ist, während sich unser äußerliches Leben dagegen nur wie eine vorübergehende Widerspiegelung desselben verhält. Es ist aber ein großer Irrtum, zu glauben, dass, wenn wir in diesem Leben nicht zum geistigen Seelenleben gelangen, es uns nach dem Tode auf eine übernatürliche Weise verschafft werden würde; vielmehr hat unser Dasein auf Erden den Zweck, uns zu diesem Leben zu führen; denn auf den Tag folgt die Nacht, in der niemand arbeiten kann.

Seite   1   |   2   |   3   |   4   |   5